Das Buch, von dem Horst Knopf 55 Jahre nicht wusste, warum es ihn fast das Leben gekostet hätte, war das vierte von rechts in der zweiten Reihe von oben. Es stand hinter Glas in einem dunkelbraunen Wohnzimmerschrank im Obergeschoss eines Zweifamilienhauses, als im Juli 1945 die Russen nach Merseburg kamen. Das Haus lag am Stadtrand, nur wenige Schritte entfernt von einer großen Flak-Kaserne. Dort zog die Rote Armee ein und beschlagnahmte ringsum Wohnungen. Ein Oberstleutnant quartierte sich ein in das Zimmer mit dem dunklen Bücherschrank.

Horst Knopf war damals 17 Jahre alt. Das Kriegsende hatte er im Reichsarbeitsdienst erlebt. Inzwischen machte er eine Maurerlehre. Seit der Russe im Haus war, bewohnten er und seine Mutter nur noch Schlafzimmer und Küche. Er saß gerade im weißen Drillich am Esszimmertisch, als eines Nachmittags der Offizier hereinstürmte, auf Russisch brüllte, mit dem Buch wedelte und es dem Jungen auf den Kopf schlug. Horst Knopf wurde abgeführt.

In die Poststraße. Die Adresse war in der ganzen Stadt das Synonym für den dort residierenden sowjetischen Geheimdienst GPU - später sollte dort die Stasi einziehen und noch später das Arbeitsamt.

Sechs Tage saß Horst Knopf in einer kleinen Zelle. Durch die Tür drangen Schreie. Immer nachts wurde er verhört. Eine grelle Lampe wurde auf ihn gerichtet und blendete ihn, auf dem Tisch lag das Buch und daneben, in Reichweite des Geheimdienstlers, eine Pistole. Die Russen verdächtigten ihn, ein Nazi zu sein, ein Werwolf, beauftragt, nach Kriegsende weiterzukämpfen.

Bolschoj Terrorist!, schrie man ihn an.

Horst Knopf beteuerte, er sei ein proletarskij. Aus seiner Arbeitskleidung riesele noch der Kalkstaub. Er wisse nicht, was das für ein Buch sei.

Vergangenen Sommer habe er es gekauft, am Bahnhofskiosk in Halle sei das gewesen. Die farbige Zeichnung auf dem Umschlag sah spannend aus, drei Erschossene vor einer Wand, von der das Blut tropfte. Ein Abenteuerbuch wollte er, etwas zu lesen für die Kanonenstellung, wo er als Flak-Helfer dienen musste. Er hatte dann aber keine Zeit gehabt und das Buch zu Hause ungelesen in den Schrank gestellt, bevor man ihn zum Arbeitsdienst einzog.