Wohl noch nie war in der Kunst mehr Gegenwart. Kein Monat vergeht, ohne dass irgendwo ein Neubau, Anbau oder Umbau entstünde, selbst kleinste Städte drängt es zu stolzen Ausstellungshäusern. Offenbar sind Museen immer noch das bevorzugte Medium der kulturellen Konkurrenz. Vor allem für die Kunst der Jetztzeit werden prächtige Hallen hergerichtet, denn viele Museumsdirektoren verstehen sich nicht mehr nur als Sammler und Sortierer. Sie wollen Entdecker sein und manchmal auch Ereignisingenieure.

Der Kunst allerdings, frisch vom Markt geholt, noch naturbelassen und unverdaulich, bekommen die musealen Weihen nur selten. Was Belebung und Kontroverse versprach, solange es noch dem Reich der Ateliers und Galerien angehörte, erstarrt in den Kunsthallen und wird langweilig. Alle Versuche, das Museum in einen Club, eine Lounge, in ein Labor zu verwandeln, sind bislang gescheitert. Und doch will man es in Wien nun noch einmal wagen: Ein kleines Stadtviertel nahe am Ring hat man den Künsten gewidmet, ein Museumsquartier, in dem sich das Etablierte mit dem Eruptiven mischen soll.

Die üblichen Grenzen will man aufheben, ein Ort ohne feste Öffnungszeiten soll entstehen, der Touristen, Szenegänger und Bildungsbeflissene gleichermaßen anzieht. Das war auch der Traum vieler anderer Kunsthallengroßprojekte der vergangenen Jahre - in Österreich aber könnte er sich tatsächlich erfüllen.

Während in Hamburg, Frankfurt oder Berlin die Museumsmeilen, -ufer und -inseln sich gegen das Unberechenbare abschotten und abends alles Leben dort erstirbt, will man in Wien einen wilden Mix riskieren. Nicht nur werden zwei große traditionelle Sammlungen das Quartier beziehen, auch das debatten- und theoriefreudige Architektur Zentrum hat hier seine Räume genauso wie Public Netbase, ein "Institut für Neue Kulturtechnologie", oder das umfangreiche Zeitungs- und Videoarchiv von basis wien. Kindertheater und ein Kinderkino wird es ebenfalls geben, ein Tanzzentrum und ein Tabakmuseum sind geplant, dazu Künstlerateliers und Büros für Design- und Internet-Agenturen.

Zusätzlich sollen die Aufführungen und Ausstellungen der Wiener Festwochen das Viertel beleben, eigens wurden hierfür in der ehemaligen Winterreithalle zwei Aufführungssäle mit insgesamt 1300 Sitzplätzen eingebaut.

Das Museumsquartier drängt die Gattungen auf engstem Raum zusammen, nie zuvor waren sich das Ausstellen und das Anfertigen von Kunst so nahe. Und damit selbst das städtische Leben einzieht, sind acht Cafés und Restaurants geplant, die unabhängig von den Museen betrieben werden und teils bis um 4 Uhr früh geöffnet haben.

Viel Zeit musste vergehen, bis dieses fast schon revolutionäre, zwei Milliarden Schilling teure Konzept einer kompakten Stadt der Künste herangereift war. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass erstmals laut über ein neues Zentrum der Moderne nachgedacht wurde und die kaiserlichen Pferdeställe in den Blick der Planer gerieten. Damals nutzte noch die Messe das alte Gebäude, das 1726 vom Hofbaumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach entworfen und später immer wieder erweitert worden war. Nicht viel kleiner als die Berliner Museumsinsel ist dieses Ensemble, das an den Hofburgbezirk grenzt. Neben den stämmigen Semper-Bauten des kunst- und naturhistorischen Museums wirken die einstigen Stallgebäude sehr bescheiden, bar aller Machtgelüste. Lange war es kaum vorstellbar, wie aus dem Labyrinth der Reithallen, Schmieden und Sattlereien je ein ansehnliches Museum werden sollte. Ließen sich Tradition und Moderne, das kaiserliche und das zeitgenössische Wien, überhaupt vereinen?

Ob Stadt und Staat die unbequeme Vielfalt dulden?

Wie kaum anderes zu erwarten, wurde das Museumsquartier zum Austragungsort eines Kulturkampfes. Die Kronen-Zeitung begann mit einer Hetzkampagne gegen das Architektenbüro Ortner und Ortner, das 1990 mit einem radikalen Umbauplan als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangen war. Die denkmalgeschützten Barockfassaden sollten zwar geschont, dahinter aber viele der alten Flügelbauten abgerissen und durch Glas- und Stahltürme ersetzt werden. Dem Ensemble der monarchischen Stadt wollten die Architekten mit einem selbstbewussten Zeichen der Gegenwart begegnen. Nicht nur die Boulevardblätter, auch ÖVP und FPÖ bekämpften diese Pläne, bis am Ende nichts mehr von ihnen übrig war. Vor allem die Intellektuellen in Wien empfanden das als bittere Niederlage und attackierten Ortner und Ortner, weil diese zum Einlenken bereit waren und einen neuen Entwurf vorlegten.

Zumindest auf den ersten Blick scheinen die Kritiker tatsächlich Recht zu haben. Die drei Neubauten, die in dieser Woche fertig gestellt und den Nutzern übergeben werden, üben demonstrative Zurückhaltung. Um ihre reale Größe zu verbergen, wurden das Leopold Museum ebenso wie das Museum moderner Kunst zur Hälfte eingegraben, drei Geschosse liegen unter und drei über der Erde. Auch das neue Haus der Kunsthalle bekommt nur ein bescheidenes Schattenplätzchen zugewiesen. Verhalten ist diese Architektur von Ortner und Ortner, duckmäuserisch aber keineswegs.

Wer die Torbögen des barocken Haupteingangs passiert, findet sich in einem weiten Hof wieder, links erhebt sich der weiße Leopold-Würfel, rechts der schwarze Kubus für das Museum moderner Kunst. Es sind erratische Bauten, mächtige Körper fast ohne Fenster. Sie sprengen den Innenhof nicht, drängeln sich nicht vor, sondern stehen in Gelassenheit da, verschlossen, fast unantastbar. Diese Form einer zurückgenommenen Selbstgewissheit mögen manche konservativ nennen, im offenen Konzept des Museumsquartiers erweist sie sich gleichwohl als sinnvoll. Denn weder verhehlen diese Bauten die Bedeutung der Kunstsammlungen, die sie beherbergen. Noch behaupten sie einen Alleinvertretungsanspruch, der die anderen Nutzer des Quartiers an den Rand drängen würde.

Auch stadträumlich gelingt es den Architekten, diesen Widerspruch von Autonomie und Einbindung produktiv zu machen. Lagen die alten Stallungen immer wie ein Riegel zwischen dem Gelände rund um die Hofburg und den Wohnquartieren auf dem Spittelberg des 7. Bezirks, werden die beiden Viertel jetzt verbunden. Breite Freitreppen und eine Brücke führen von einem Viertel ins andere und machen aus dem Quartier einen selbstverständlichen Teil des städtischen Lebens. Andernorts ist die Museumsarchitektur oft ihr eigenes Schaustück, hier ist sie vor allem Wegbereiter.

Die ästhetische Inszenierung verlegen diese Neubauten deshalb weitgehend ins Innere, erst dort entfaltet sich ein üppiges Spiel der Räume. Vor allem die Sammlung Leopold mit ihren Schiele-, Klimt- und Kokoschka-Bildern wird durch ein erhabenes Ambiente geehrt. Ein kolossales Atrium, Säle von sieben Meter Höhe, Wände und Türen aus Muschelkalk - alles wirkt rein und erlaucht. Nur durch die weiten Fenster, die hier und da Quer- und Ausblicke erlauben, wird der strenge Stolz dieses Hauses ein wenig gemildert.

Viel ruppiger, wenn auch ähnlich detailvernarrt ist der schwarze Quader gegenüber. Schon von außen ist das Museum moderner Kunst, das auch die Wiener Stiftung Ludwig beherbergt, weniger rigide und wirkt mit seinem gewölbten Dach und den gerundeten Kanten wie ein skulpturaler Block. Die Schlitzfenster und der grobporige Basalt, der alles Licht aufzusaugen scheint, verleihen dem Bau etwas Geheimnisvolles, das auch im Inneren fortwirkt. Fast muss man den Kopf einziehen, um hineinzugelangen, so niedrig sind im Foyer die Decken.

Einzig ein großer Fahrstuhlschacht gibt den Blick frei, ansonsten herrscht düstere Enge

selbst die Treppenhäuser wurden mit schwarzen Gusseisenplatten verkleidet. Die Ausstellungssäle sind hingegen weit und hell - wer die Kunst sucht, gelangt ins Licht.

Dieses Haus wirkt wie ein Bergwerk der Künste, in das man einfahren kann zu Minimal, Pop-Art oder Arte povera und in dem etwas von den vulkanischen Aus- und Umbrüchen, auch vom Schwarz und Weiß des 20. Jahrhunderts fortzuleben scheint. Es ist keine bildhafte Architektur, und doch lässt sie Raum für eigene Bildideen. Spürbar ist diese Haltung ebenfalls bei den Einbauten für die Wiener Festspiele: Indem Laudris Ortner den teigigen Ornamenten der Winterreithalle eine futuristische Ästhetik aus Milchglas und Aluminium entgegenstellt, erscheint das Sommerspektakel wie ein Raumschiff - im positiven wie im negativen Sinne.

Auch die Kunsthalle, der dritte Neubau, ist über diese Reithalle zu erreichen, zwei ganz unterschiedliche Häuser teilen sich also einen Eingang und wagen die Verflechtung. Doch so erstaunlich dieses Konzept ist, das Gebäude selbst enttäuscht. Mit seiner rüden Klinkerfassade soll es an Fabriken und Lagerhäuser erinnern und damit der Kunsthalle, die sich vor allem auf das aktuelle Schaffen der Zeitgenosssen spezialisiert hat, etwas vom Charme des Vorläufigen verleihen. Doch diese Gleichung ist allzu plakativ

für das Unbestimmte und Veränderliche erweisen sich Ortners Bauten als ungeeignet. Von den Prinzipien der Beflissenheit und rationalen Ordnung mag sich die Architektur auch im Inneren des Museums nicht verabschieden, obwohl dieses doch programmatisch alles Vertraute überwinden möchte. Es rächt sich hier, dass alle Neubauten von nur einem Architektenbüro geplant wurden.

Besser wäre es gewesen, zumindest für das experimentierfreudige Kunsthallen-Haus einen jungen Raumforscher zu gewinnen, der so wagemutig ist, wie es Ortner und Ortner einst waren, als sie sich in den siebziger Jahren noch die Haus-Rucker-Co nannten.

Doch nicht an der Architektur wird sich am Ende entscheiden, ob das Museumsquartier pulsiert und zum Kondensator des Urbanen heranwächst. Weit wichtiger ist die Vielfalt, von der heute noch niemand weiß, ob Stadt und Staat diese auf Dauer dulden, gar befördern wollen. Heftig wurde in den letzten Monaten darum gerungen, wer denn nun tatsächlich in die Querflügel und Dachböden einziehen darf. Vor allem kleinere Initiativen, die politisch rege den Protest gegen Jörg Haider und die neue Regierung organisierten oder künstlerische Formen der Kritik unterstützten, bangen um ihre Räume. Der Pluralismus des neuen Museumsquartiers wird immer ein Wagnis bleiben.

Den Vermarktungsstrategen passt die Kleinteiligkeit des Künstlerviertels bereits jetzt nicht so recht ins Konzept. Fast ein halbes Jahr vor der großen Eröffnung beklagen sie sich schon darüber, dass es kein architektonisches Logo, keine Louvre-Pyramide gibt, mit der man das Quartier einprägsam in aller Welt bewerben könne. Die neuerdings apricotfarbene Schauseite der barocken Hofstallungen erscheint ihnen allzu süßlich und viel zu gestrig, sie wollen ein Zeichen des Aufbruchs. Laudris Ortner ist sich sicher, dass früher oder später doch noch einer seiner einst heftig befehdeten Glastürme gebaut werden wird. Dann nicht als Zeichen der Moderne, sondern als Zeichen des Marktes.