Einen Chefredakteur wie ihn hat es nicht mehr gegeben und wird es vermutlich auch nicht wieder geben: Theodor Wolff. Sechsundzwanzig Jahre, von 1906 bis 1933, leitete er das Berliner Tageblatt. Unter seiner Ägide entwickelte sich das publizistische Flaggschiff des Mosse-Verlages zur einflussreichsten Hauptstadtzeitung und zu einer wichtigen Stimme der liberalen Demokratie in Deutschland. Die Auflage kletterte von 100 000 auf eine Viertelmillion - ein schöner Beweis dafür, dass journalistische Qualität immer noch das beste Erfolgsrezept für ein anspruchsvolles Periodikum ist.

Keiner hat sich um das Werk Theodor Wolffs so verdient gemacht wie der Berliner Historiker Bernd Sösemann. Ihm verdanken wir nicht nur die zweibändige Edition der Tagebücher 1914-1919 (1984), sondern auch drei Bände - Der Journalist (1993), Der Publizist (1995), Der Chronist (1997) - mit ausgewählten Leitartikeln, Feuilletons, Aufzeichnungen und Gedichten, die einen vorzüglichen Querschnitt durch Wolffs Schaffen bieten. Nun folgt, gewissermaßen als krönender Abschluss, eine Biografie, die bisher noch unbekannte Quellen erschließt. Es ist nicht die erste biografische Studie über den prominenten Chefredakteur - 1978 hat ihm Wolfram Köhler bereits ein Porträt gewidmet -, wohl aber die bislang umfassendste und aufschlussreichste. Denn Sösemann gelingt es, die wichtigsten biografischen Stationen mit den Zäsuren der deutschen Geschichte zu verknüpfen - vom Kaiserreich, über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis zum "Dritten Reich".

Ein Leben mit der Zeitung lautet treffend der Untertitel. Selten ist die Beziehung eines Chefredakteurs zu seinem Blatt so eng, ja symbiotisch gewesen wie in diesem Falle. Dabei war, als Theodor Wolff nach Abitur und Studium im Sommer 1887 als kaufmännischer Lehrling beim Blatte seines Cousins Rudolf Mosse begann, noch gar nicht ausgemacht, dass er sich dem journalistischen Beruf zuwenden würde. Denn damals fühlte sich der 21-Jährige noch zum Dichter berufen

er schrieb eine ganze Serie von zeitgenössischen Theaterstücken - Werke, die heute zu Recht vergessen sind. Erst 1894, als er den begehrten Posten des Paris-Korrespondenten angeboten bekam, entschied er sich endgültig für den Journalismus. "Ich nahm Abschied von der Muse Thalia, die mir zuerst hatte so hold sein wollen ... Daraus ergab sich gewiss kein Verlust für die Bühnenliteratur", hat er selbstironisch in seinen Erinnerungen angemerkt.

Zum Schlüsselerlebnis der Pariser Jahre wurde die Dreyfus-Affäre. Schon früh meldete Wolff in seinen Artikeln Zweifel an der offiziellen Darstellung der Vorgänge um die Degradierung des jüdischen Hauptmanns an, und er war entsetzt über die antisemitischen Exzesse in Teilen der französischen Presse: "Ein journalistisches Zuhältertum rast johlend, berauscht durch den Schrecken, den es verbreitet, über den öffentlichen Markt." Seiner Sympathie mit dem Mutterland der Revolutionen tat der Skandal freilich keinen Abbruch, zumal ihm bewusst blieb, dass der Antisemitismus in der Gesellschaft des Kaiserreichs nicht minder stark, in den akademischen Eliten sogar stärker ausgeprägt war.

Eigenwillige Temperamente förderte er nach Kräften

Mit seinen Frankreich-Berichten hatte sich Theodor Wolff als eines der begabtesten, vielseitigsten Talente profiliert. Im Herbst 1906 offerierte ihm Rudolf Mosse die Leitung des Berliner Tageblatts. Nach einigem Zögern sagte er zu - ein Entschluss, den er nicht bereuen sollte. Wie der gerade 38-Jährige die Herausforderung meisterte, wie er schon bald in die Rolle einer unbestrittenen Autorität hineinwuchs, das beschreibt Sösemann mit unverhohlener Bewunderung. Der neue Chef beherzigte die eiserne Regel, dass Veränderungen in einem Traditionsblatt behutsam und möglichst so ins Werk zu setzen seien, dass die Leser sie gar nicht bemerkten. Den Redakteuren gegenüber war er großzügig, was die Bandbreite von Meinungen und Stilen betraf, aber auch streng, wenn es ums Handwerkliche ging. Eigenwillige Temperamente duldete er nicht nur, er förderte sie nach Kräften. "Das Ideal", so sagte er einmal, "ist, viele verschiedene Individualitäten zu sammeln, niemand in der Betonung seiner Persönlichkeit zu behindern und doch aus all den Eigenwilligen und Eigenartigen eine Einheit zu bilden, indem man sie zu einem bestimmten Ziele führt."

Den montäglichen Leitartikel, den "lundi" mit dem Kürzel "T. W.", behielt sich der Chefredakteur selbst vor. Er war sein Markenzeichen, unerreicht in der Mischung aus stilistischer Brillanz, pointiertem politischem Urteil und umfassender historisch-literarischer Bildung. Selten reichte ihm die eine Spalte auf der Titelseite aus, häufig beanspruchte er auch noch bis zu zwei Spalten der zweiten Seite - "Ausschweifungen", so der Autor, wie sie heute "nicht einmal mehr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder Süddeutschen Zeitung vorstellbar" wären (von anderen Blättern gar nicht zu reden).

Worauf es Theodor Wolff ankam, war nicht ein verwaschenes Sowohl-als-auch, kein standpunktloses Pro und Contra, sondern eine Schärfung des liberalen Profils. Er wusste, dass eine Zeitung, die etwas auf sich hält, Distanz zu den Herrschenden halten muss. Beißenden Spott goss er immer wieder über die "schweifwedelnden Spalierenthusiasten", die Elogen auf Wilhelm II. sangen und stolz darauf waren, wenn sie dafür zur kaiserlichen Hoftafel gebeten wurden.

Unermüdlich kritisierte er die rhetorische Kraftmeierei des Monarchen, geißelte er die hasardeurhafte deutsche "Weltpolitik", die das Reich bald nach dem Abgang Bismarcks in die außenpolitische Isolierung führte. Und mit demselben Nachdruck sprach er sich für demokratische Reformen im Innern, für eine "Parlamentarisierung" der Reichsverfassung und eine Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts aus. Man dürfe keine Rücksichten mehr nehmen auf die Junker - "jene kleine Oberschicht, die sich in den östlichen Provinzen Preußens dem Eindringen modernen Geistes erfolgreich entgegenstemmt". Im preußischen Erbe, dem Vorrang der militärischen vor den zivilen Gewalten, erkannte er den grundlegenden Strukturdefekt des wilhelminischen Staatswesens. "Leben wir in einer südamerikanischen Republik", fragte er anlässlich der Zabern-Affäre 1913, "wo jeder Oberst den Gerichtsbehörden das Gesetz diktieren darf, und hängen bei uns Leben und Freiheit der Bürger von den Entschlüssen einer Kasinogesellschaft ab?"

Natürlich war das kämpferische Eintreten für liberale Bürgerrechte den Regierenden höchst unerwünscht. Reichskanzler Bernhard von Bülow weigerte sich, dem Berliner Tageblatt Interviews zu geben, und sein Nachfolger Theobald von Bethmann Hollweg wies im Jahre 1911 alle Dienststellen an, den Redakteuren "weder Nachrichten noch orientierende Winke" zukommen zu lassen.

Man fühlt sich an die Methoden der Kohl-Regierung erinnert, die unbequeme Journalisten ebenfalls mit Informationsentzug strafte.

Der Verleger setzte ihm den Stuhl vor die Tür

Besonders eindrucksvoll werden die Auseinandersetzungen Theodor Wolffs mit der Militärzensur im Ersten Weltkrieg geschildert. An die Mär von der deutschen Unschuld am "Ausbruch" des Krieges hat er zu keinem Zeitpunkt geglaubt. Bemerkenswert früh durchschaute er die hoch riskante, den Weltkrieg provozierende Politik der Reichsleitung in der Julikrise 1914. Seine Kritik an den maßlosen deutschen Kriegszielen trug ihm wiederholt Ermahnungen, im Juli 1916 sogar das vorübergehende Verbot des Berliner Tageblatts ein. Aus Protest gegen die Zensur-Schikanen verordnete sich der Chefredakteur selbst eine mehrmonatige Schreibpause, was wiederum der Regierung unangenehm war, weil sein Verstummen im neutralen Ausland einen schlechten Eindruck machen musste und zu antideutscher Propaganda benutzt werden konnte.

Begeistert begrüßte Theodor Wolff in einem seiner berühmtesten Leitartikel den Umsturz vom 9. November 1918 als "die größte aller Revolutionen". Niemals zuvor sei "eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille in einem Anlauf genommen worden". Doch schon bald musste er erkennen, dass die Grundmauern des Obrigkeitsstaates keineswegs geschleift, dass Militärs, Industrielle, Junker, Beamte in ihren gesellschaftlichen Machtpositionen verblieben waren. Schlimmer noch: dass die antisemitische Hetze nach 1918 ungeahnte Ausmaße annahm. Theodor Wolff und sein "Judenblatt" wurden zur bevorzugten Zielscheibe der Deutschnationalen. Sein Name fand sich schon früh auf den Mordlisten völkisch-rechtsradikaler Gruppen. Die Angst, wie Außenminister Walther Rathenau einem Attentat zum Opfer zu fallen, sollte ihn nicht mehr verlassen.

Wolff zählte zu den Mitbegründern der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), ohne darin allerdings eine prägende Rolle zu spielen. Er war eben, wie der Autor bemerkt, "ein Mann des Buches und der Feder", kein Parteipolitiker oder Parteibuchjournalist. Stark engagierte er sich gegen die Unterzeichnung des Versailler Vertrages, weil er befürchtete, dass damit der jungen Weimarer Demokratie eine zu schwere Last aufgebürdet wurde. Später unterstützte er Stresemanns Politik der Aussöhnung mit Frankreich

zugleich trat er für einen vernünftigen Umgang mit der Sowjetunion ein, ohne Stalins Terror in irgendeiner Weise zu beschönigen.

Dass die Weimarer Republik nur lebensfähig sein konnte im historischen Bündnis von liberalem Bürgertum und sozialdemokratischer Arbeiterschaft - dies war Theodor Wolff von der ersten Stunde an bewusst. Umso mehr beunruhigte ihn der fortschreitende Zerfall der liberalen Mitte und das Vordringen der Radikalen besonders auf der Rechten. "Die Republikaner haben eine Schlacht verloren", kommentierte er die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925. Dass sich hinter dem ehemaligen Feldherrn des Kaisers die Kräfte formierten, die das parlamentarische System aus den Angeln heben wollten, blieb ihm nicht verborgen. Das 1930 installierte Präsidialkabinett unter Reichskanzler Heinrich Brüning nannte er ein "legal maskiertes Diktaturregime", und keinerlei Illusionen machte er sich über die Anziehungskraft des Nationalsozialismus auf breite Schichten der Bevölkerung: "Dieses Gemisch von neurasthenischem Worttalent, zugelaufenem Katilinariertum, verirrter Jugendeselei, rassenneidischem Minderwertigkeitsgefühl, wolkiger Ideologie, blöden Brutalitätsinstinkten und idealistischer Selbstbespiege lung hat heute für viele einen verlockenden Reiz. Viele, die arm an Besitz und Einkommen geworden sind, finden einen seltsamen Trost bei der Armut an Geist. Es ist, soweit nicht raffinierte Spekulation am Werke ist, eine vorwiegend pathologische Erscheinung", schrieb er im Juli 1930, wenige Wochen vor der Reichstagswahl vom 14. September, die der NSDAP einen triumphalen Erfolg bescherte.

In Rudolf Mosse hatte Theodor Wolff einen Verleger gefunden, der ihm in allen Konflikten den Rücken gestärkt und ihm volle Freiheit bei allen redaktionellen Entscheidungen gelassen hatte. Das änderte sich unter dem Schwiegersohn, Hans Lachmann-Mosse, einem blassen, verklemmten Mann, den die starke Position des Chefredakteurs störte. "Hans Lachmann-Mosse hatte nichts zu sagen. Und als er begann, etwas zu sagen, richtete er den Verlag zugrunde, schon einige Zeit bevor Hitler kam", erinnerte sich ein Redakteur.

Tatsächlich ist das Schicksal der Zeitung in der Endphase der Weimarer Republik geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie rasch ein Verleger selbst eine scheinbar unerschütterliche Bastion des liberalen Journalismus ruinieren kann. Rücksichtslos verordnete er dem Blatt Sparmaßnahmen

altgediente Redakteure wurden gekündigt. In einem Memorandum vom April 1931 prangerte Theodor Wolff diesen Bruch mit der guten Tradition des Mosse-Hauses an. Er erinnerte den Verleger daran, "daß eine große politische Zeitung eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit hat, nicht nur im Dienste eines Unternehmens, sondern auch im Dienste allgemeiner Interessen steht und nicht ausschließlich nach den Grundsätzen irgendeines kaufmännischen Unternehmens geführt werden sollte".

Wes Geistes Kind Lachmann-Mosse war, bewies er im März 1933, als er Theodor Wolff, der nach dem Reichstagsbrand nach München und von dort aus nach Tirol geflohen war, den Stuhl vor die Tür setzte. Die neue Zeit verlangte nach Meinung des Verlegers, "dass positive Leistungen des Staates, auch dann, wenn dieser Staat eine wesentlich andere Gestalt angenommen hat, sachliche Anerkennung erfahren": "Ich kann mir nicht denken, dass Sie sich der Gefahr aussetzen wollen, von der Öffentlichkeit missverstanden zu werden, wenn Sie das Berliner Tageblatt auch dann noch als Chefredakteur verantwortlich zeichnen."

Die letzten Kapitel gehören der entbehrungsreichen Exilzeit im südfranzösischen Nizza. Diszipliniert, wie er war, setzte sich Wolff noch jeden Morgen an den Schreibtisch, schrieb einen weiteren Band seiner Erinnerungen, hin und wieder auch Artikel für ausländische Zeitungen. Das Berliner Tageblatt las er nur noch selten, und nach der Mordnacht des so genannten Röhm-Putsches 1934, die das Blatt unter der Überschrift Durchgegriffen! feierte, rührte er es überhaupt nicht mehr an. Im Mai 1943 wurde der 75-Jährige von italienischen Beamten verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Nach einer Odyssee durch Lager und Gefängnisse starb er am 23.

September 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Bernd Sösemanns Biografie macht noch einmal den Verlust bewusst, den der Zivilisationsbruch von 1933 auch für die deutsche Presse bedeutete. Gerade in Zeiten, in denen in allen Medien die Quotenidioten auf dem Vormarsch sind, sollte man sich an Theodor Wolff erinnern - an den unerschrockenen Demokraten und glänzenden Stilisten, der Maßstäbe gesetzt hat für einen Journalismus, der diesen Namen verdient.

Bernd Sösemann: Theodor Wolff

Ein Leben mit der Zeitung

Econ Ullstein List Verlag, München 2000

360 S., 58,- DM