Zum vertrauten Klang werden die silbrig vor sich hin rieselnden Obertonkaskaden der leer gezupften, langhalsigen Tambura, die als Begleitinstrument bei nahezu jeder Aufführung mit indischer Musik dabei ist.

Aromatisch duften die Idlis, die Reiskuchen mit Senfsaat-Kokosnuss-Chutney, die Frau Sivaraman für ihre Gäste gekocht hat. Ihr Mann, ein Meister der südindischen Mridangam-Trommel, hat die Perkussionisten des Orchesters nach einer Begegnung in Bombay spontan zu sich nach Hause eingeladen, um ihnen sein Instrument zu erklären. Atmosphärisch offenbart die große Aufführungshalle der Kalakshetra-Tanzschule in Madras, wie in Indien Musik und Leben miteinander verschmelzen: Ganz leicht schwebt ein hohes, nach oben hin immer raumgreifenderes Dach über den locker gefügten Korbstuhlreihen und der Bühne. Die hölzernen Lamellenwände sind offen für Licht, Luft, Vögel und die Geräusche der Außenwelt, als sei der Konzertsaal nur ein schattiges Plätzchen unter freiem Himmel. Nachdem der Workshop in Madras zu Ende ist, will eine zierliche Tanzschülerin die deutschen Musiker gar nicht weglassen.

Das Symphoniekonzert am Abend zuvor hat sie mitgeschnitten und die Kassette anschließend die ganze Nacht gehört. In ihrer Hand hält sie ein Schreibheft voll offener Fragen.

Was bleibt eigentlich von einer solchen Orchestertournee? Der deutsche Generalkonsul in Madras, der mit Dienst-Mercedes und aufgesteckter Deutschland-Fahne zum Konzert vorgefahren ist, wird wegen einem schönen Klassikabend keine neuen Wirtschaftsbeziehungen in der boomenden IT-Branche knüpfen können. Die Besserverdienenden von Bombay werden auf das nächste symphonische Gastspiel warten. Aber einige Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie werden Seltsames zwischen den Zehen spüren, wenn sie das nächste Mal die zweite Symphonie von Brahms spielen.