Die Farm ist abgelegen, ihr genauer Standort geheim. "Wir sind nicht gerade erpicht auf Reportagen über den Fundort", gesteht Gabi Schneider. Die Direktorin des Geological Survey of Namibia hat Grund zur Vorsicht: Wertvolle Versteinerungen sind in dem dünn besiedelten Land im südlichen Afrika am besten durch Diskretion zu schützen. Die hilft allerdings wenig bei professionellen Fossiljägern mit akademischer Immunität - mit ihnen hat Schneider den meisten Ärger. Gerade hat sie eine Sammlung wieder nach Namibia geholt, die einem Professor aus Hessen in den siebziger Jahren leihweise überlassen wurde. "Erst nach einem zähen Streit willigte er ein, die Fossilien zurückzugeben", klagt sie. "und ich bin nicht sicher, ob er nicht die schönsten Stücke für sich behalten hat." Andere scherten sich erst gar nicht um staatliche Erlaubnis: "Der krasseste Fall war der eines Professors aus Los Angeles", erinnert sich Schneider. "Der versuchte, Fossilien unter seinem Hut vom Gelände zu schmuggeln. Der Farmer erkannte jedoch die seltsame Körperhaltung und riss ihm den Hut vom Kopf."

Was sind das für Fossilien, die bei respektablen Forschern Anfälle von Kleptomanie auslösen? Nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfährt man Näheres über die Farm mit den Fossilvorkommen. Sie liegt in einer unspektakulären, rotbraunen Landschaft, deren Farbe von einem Gestein namens Quarzit herrührt. Scharfkantige Brocken davon müssen immer wieder von der Fahrbahn geräumt werden, kaum hat das Auto das Farmtor passiert. Das Haus ist erst nach mühsamen Kilometern über karges Weideland erreicht. Eine junge Farmerin führt uns zu einem Schuppen. Zwischen Schlangen in Spiritus und getrockneten Skorpionen lagert dort eine Fossiliensammlung, für die in Europa wohl schon längst ein eigenes Museum errichtet worden wäre. Ein Kabinett steinerner Schatten aus der Frühzeit des Lebens - unheimliche Asservate in einer der heftigsten Kontroversen der Paläontologie. Um sie wird derzeit ein ebenso spektakulärer wie mühsamer Indizienprozess mit lauter toten Zeugen ungeklärter Identität geführt.

Die Corpores Delicti sind weder Urmenschenkiefer noch Saurierknochen. Auf den ersten Blick sind die Stücke unscheinbar. Doch sieht man genauer hin, bemerkt man eine fast gruselige Fremdartigkeit. Hier im "Farmmuseum" sind es meist blattartige, gerippte Gebilde, die an Fischfilets erinnern. Mitunter finden sich ganze "Beete" davon: Einige Kilometer vom Farmhaus entfernt liegt eine große Felsplatte mit einem guten Dutzend Exemplaren. Pteridinium, "gewundener Farn", haben die Paläontologen diese Art genannt. Das gelehrte Griechisch täuscht: Ein Farn war das sicher nicht - aber das ist auch fast schon alles, was man über diese Lebensform weiß.

Pteridinium lebte vor einer halben Milliarde Jahren im Vendium, der letzten geologischen Epoche vor Anbruch des Kambriums. Damals war dieser Teil Namibias von einem flachen Meer bedeckt, dessen sandiger Grund später zu jenem harten Quarzit wurde, der heute Autoreifen malträtiert. In diesem Sand lebten, starben und versteinerten diese Organismen. Ähnlich erging es einigen Dutzend anderer Lebensformen, deren Fossilien sich rund um den Globus in versteinerten Sanden etwa gleichen Alters finden. Sie werden unter dem Begriff "Ediacara-Fauna" zusammengefasst nach ihrem bekanntesten Fundort, den Ediacara-Hügeln in Südaustralien. Entdeckt wurden die ersten Ediacara-Fossilien allerdings 1908 hier auf der namibischen Farm - von Geologen der deutschen Kolonialverwaltung. Doch erst seit den australischen Funden weiß man, womit man es zu tun hat: den ältesten mit bloßem Auge sichtbaren Organismen der Erdgeschichte.

Aus älteren geologischen Schichten als denen des Vendiums sind eindeutige fossile Reste bisher nur von Mikroorganismen bekannt. Diese finden sich dafür schon in grauer Vorzeit: Die ältesten Lebensspuren sind mit 3,8 Milliarden Jahren nur wenig jünger als die Erde selbst. Trotz dieses frühen Starts scheint das Leben die meiste Zeit seiner Geschichte nicht über das Stadium von zähem Schleim hinausgekommen zu sein.

Sind die Ediacara nun Tiere, Algen oder Bakterien?

Niemand weiß, wann die Evolution darauf verfiel, es einmal mit Komplexerem zu versuchen. Die allerersten Vielzeller dürften zu klein und zu weich gewesen sein, um fossile Spuren zu hinterlassen. Sicher ist, dass vielzellige Tiere vor etwa 540 Millionen Jahren, am Beginn des Kambriums, plötzlich einen ungeheuren Boom erlebten: Die "kambrische Explosion" revolutionierte die Biosphäre. In nur wenigen Millionen Jahren entwickelten sich sämtliche bekannten Körperbaupläne der Tierwelt: die Vorfahren der Schnecken und Muscheln, der Würmer, der Seesterne, der Krebse und Insekten. Alle heutigen Tierstämme waren plötzlich da - auch die Chordaten, zu denen die Wirbeltiere und damit wir Menschen gehören. Zwar weisen Genvergleiche neuerdings darauf hin, dass die Tierstämme sich zumindest genetisch schon deutlich früher entwickelt haben könnten. Aber erst im Kambrium wurden die Tiere plötzlich groß und begannen harte Körperteile auszubilden, die gut versteinern.