Ach, Folkore." So seufzt man ermattet in Anlehnung an einen Buchtitel von Hans Magnus Enzensberger. Denn es gibt so etwas wie "Folklore ohne Musik".

Das deutsche Fernsehen mag das. In einen Grand Prix verpackt, überträgt es diese Schimäre auf Hauptsendeplätzen. Ich lache und weine abwechselnd. Und die Axt liegt in der Nähe des TV-Gerätes.

Aber jetzt zu einer Folklore, die kein Synonym für "minderwertig" ist. Wir finden sie in Schweden. In den fünfziger Jahren nimmt der Trompeter Miles Davis den Titel Dear Old Stockholm auf. An seiner Seite: J. J. Johnson (Posaune), Jackie McLean (Altsaxofon), Gil Coggins (Piano), Oscar Pettiford (Bass) und Kenny Clarke (Schlagzeug). Sie spielen das wundervolle Thema in Moll, das eigentlich das schwedische Volkslied Ak Värmeland Du Sköna ist. Der Prototyp nordischer Adagio-Stimmung. Die Jazzmusiker scheinen im Geist des schwedischen Dichters Carl Michael Bellman (1740 bis 1795) zu spielen: "Am Ende sind wir Brüder doch: / Dann leuchtet uns der Abendstern / Ins gleiche finstre Loch. / Scheint das Grab dir tief und dumpf sein Druck, / Alavott, so nimm noch einen Schluck, / Und noch einen hinterher, und noch zwei, drei mehr, / Dann stirbst du nicht so schwer."

Traurig, aber wahr, dieser Bellman. Eigentlich ist Folklore "not jazzable", von einigen Ausnahmen abgesehen. Doch was die Schweden in ihren alten Liedern singen und sagen, ist oft von einer zu Herzen gehenden Schwermut, die der holzgetäfelten Gemütlichkeit der Deutschen diametral entgegengesetzt ist.

Dass die Folklore Schwedens nicht jazzresistent ist, liegt an ihrer kompositorischen Feinheit, hinter der eine melancholische, um nicht zu sagen, eine philosophische Sicht auf die Welt steht.

Die schwedischen Volkslieder sind wahrhaftiger als die deutschen, die mit ihrer spießigen Schönfärberei an den Geruch von Kleidern erinnern, die man lange nicht gelüftet hat. Es ist kein Wunder, dass die schwedische Folklore bis auf den heutigen Tag Jazzmusiker anspornt. In diesem Sinne erleuchtet ist das schwedische Duo des Posaunisten Nils Landgren (Jahrgang 1956) mit dem Pianisten Esbjörn Svensson (Jahrgang 1964).