Kommt man heute in der alten Bundesrepublik in ein Dorf abseits der Durchgangsstraßen, so gleicht sich das Erscheinungsbild fast überall: gediegener Wohlstand, erkennbar an adretten Einfamilienhäusern, vor denen Automobile der Mittelklasse parken. An die Stelle der Wetterhähne auf den Kirchturmspitzen sind Satellitenschüsseln getreten. Das Dorf hat den Geruch von Kuhmist und Pferdeäpfeln verloren und parfümiert sich lieber mit den Ausdünstungen von Blechkarossen mit vielen Pferdestärken.

Echte Bauern dagegen erscheinen im Dorfbild fast als folkloristische Zugabe - und deren Tätigkeit scheint den Charme bäuerlicher Erd- und Naturverbundenheit ganz und gar eingebüßt zu haben. Der Computer hat auch in den Kuhstall Einzug gehalten die Fortpflanzung wird mit den Methoden künstlicher Besamung optimiert. Und bei der Nahrungsaufnahme scheint sich die totale Abkehr von bäuerlicher Tradition vollzogen zu haben: Glückliche Kühe auf grünen Wiesen scheinen "Fleischmaschinen" gewichen zu sein, die man mit Hormonen aufpumpt und mit tiermehlhaltigem Futter mästet.

Ist also eine in entagrarisierten Wohngemeinden betriebene industrialisierte Landwirtschaft alles, was vom traditionellen Bauerndorf bleibt? Schenkt man besserwisserischen Großstadtpflanzen Glauben, reduziert sich der bäuerliche Hofbesitzer in Deutschland in der Tat auf das Zerrbild des engherzigen Lobbyisten, des findigen Subventionsjägers und nüchtern kalkulierenden Massentierhalters - von ein paar lobenswerten Ökobauern einmal abgesehen.

Fair ist diese Sichtweise schon deshalb nicht, weil sie außer Acht lässt, wie fundamental der Wandel war, der die deutsche Landwirtschaft im vergangenen Jahrhundert von der Spitze auf einen hinteren Platz der ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Werteskala verdrängt hat. Erst vor dem Hintergrund dieses Wandels aber lässt sich ein angemessenes Urteil über die Lage der heutigen Bauern fällen.

Noch vor 100 Jahren war das Dorf ein Mikrokosmos ganz eigener Art, in dem nahezu die Hälfte aller Deutschen beheimatet war. Auch wenn beileibe nicht alle Dorfbewohner direkt von der Landwirtschaft lebten, sondern sich auch als Handwerker oder landsässige Industriearbeiter ihr Brot verdienten, bildete das klassische Dorf doch eine von den Bauern gestiftete Wirtschaftseinheit.

Nahezu alle Dorfbewohner gehörten einem Wirtschaftskreislauf an, der um die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens kreiste: Auch wer nicht im Haupterwerb Landwirtschaft betrieb, bestellte sein eigenes kleines Stück Land im Nebenerwerb oder verdingte sich als Aushilfskraft bei einem Vollerwerbsbauern.

Aber auch kulturell bildete das Dorf eine Einheit, weil die im Kern bäuerliche Produktionsgemeinschaft auch den innerdörflichen Wertehaushalt speiste. Die Bewahrung und Mehrung des Grundbesitzes war ein heiliges Gebot, das sich aus der bäuerlichen Eigentumsfixierung ergab. Der Verlust des ererbten Hofes erschien als schlimmster Verstoß gegen den Wertekodex. Hinzu kam ein ausgeprägtes, auf das Leitbild harter, körperlicher Tätigkeit ausgerichtetes Arbeitsethos, demzufolge der Bauer im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen hatte.