Wenn das kein Kulturschock ist: Im Paradies regiert die Knappheit. Zieht euch warm an, kocht Eintöpfe, die brauchen weniger Strom, habt immer eine Taschenlampe dabei - diese Ratschläge geben Kaliforniens Energiepolitiker dem Volk des Golden State seit neuestem mit auf den Weg. Denn dort ist das Selbstverständliche längst nicht mehr selbstverständlich: So als läge es irgendwo in Afrika, kommt im Herzland des Kapitalismus kein Strom mehr aus den Steckdosen - jedenfalls nicht jederzeit. Die beiden größten Energieversorger sind hoch verschuldet und stehen vor dem Bankrott

die kalifornische Ökonomie ist angeschlagen. Und das wirtschaftspolitische Konzept namens Deregulierung ist in Verruf geraten. Ein Verdacht lastet nun auf den Empfehlungen der Marktliberalen: schön in der Theorie, aber untauglich, ja schädlich in der Praxis.

Das Desaster wirkt sich auch jenseits der Grenzen Kaliforniens aus, nicht nur in den übrigen amerikanischen Bundesstaaten, sondern bis nach Europa. Denn Deregulierung ist auch in Deutschland en vogue. Die Märkte für Telekommunikation und für Elektrizität sind bereits liberalisiert

bei der Eisenbahn, der dritten netzgebundenen Infrastruktur, versuchen Kartellwächter und Verkehrspolitiker gerade, den Wettbewerb in Schwung zu bringen. Bisher war das alles nicht zum Schaden der Verbraucher. Dennoch wird wieder debattiert: Was darf dem Markt, was muss dem Staat überlassen bleiben? Die kalifornischen Blackouts werfen die alten Fragen wieder auf. Und sorgen dafür, dass ein ebenso altes Vorurteil am Leben bleibt: Amerika, das Land des entfesselten Marktes.

Tatsächlich ist es keineswegs so, dass seit der Deregulierung im Jahr 1996 allein Angebot und Nachfrage den kalifornischen Strommarkt lenken. Im Gegenteil: Unter dem Druck diverser Lobbys entstand damals ein Regelwerk, das die schlimmsten Auswüchse von Markt- und Kommandowirtschaft vereinte: ein Monstrum, wie das amerikanische Wirtschaftsmagazin Business Week zu Recht urteilt.

Die alten Konzerne nämlich waren gezwungen, sich von vielen Kraftwerken zu trennen. Fortan mussten sie die Elektrizität an einer vom täglichen Auf und Ab beherrschten Strombörse einkaufen - allerdings, und das war der größte Konstruktionsfehler, ohne steigende Preise an ihre Endkunden weitergeben zu können. Vor allem wegen dieser Bestimmung zum vermeintlichen Schutz der Konsumenten konnte sich der Markt im kalifornischen Stromsektor nie wirklich entfalten. So musste es schließlich zum Kollaps kommen: Ungebremst wachsende Stromnachfrage, steigende Preise für Gas (den wichtigsten Rohstoff der Stromerzeugung) und fehlende Investitionen in neue Kraftwerke trieben die Großhandelspreise in astronomische Höhen. Die Preise für die Endverbraucher dagegen blieben erzwungenermaßen niedrig. Bis die Stromlieferanten schließlich am Rande der Pleite standen und die Krise begann. Mit Marktwirtschaft hat das wenig zu tun und schon gar nicht mit zu forscher Deregulierung. Unbeeindruckt von sämtlichen Erkenntnissen der Ordnungspolitik, haben die kalifornischen Energiepolitiker wie Anfänger gehandelt.

Und welche Lehre können hiesige Energiepolitiker aus den kalifornischen Erfahrungen ziehen? Gar keine! Sie sind nämlich längst viel klüger zu Werke gegangen. Ohne sich in die Tarifgestaltung einzumischen, haben sie im Frühjahr 1998 dafür gesorgt, dass im Prinzip jeder Strom erzeugen und verkaufen kann. Das ist richtig verstandene Deregulierung. Allerdings ist auch die deutsche Politik nicht ohne Fehl und Tadel: Vor lauter De- hat sie bisher ein Mindestmaß an Re-Regulierung versäumt - zulasten von Ökonomie und Ökologie.