Rainald Goetz war im Mai 1968 14 Jahre alt. Er gehört einer Generation an, die die Wahrheit des Satzes "Gemeinsam sind wir stark" nur im Rockkonzert erfahren hat, wenn zum Beispiel den Rolling Stones eine vierte Zugabe abgetrotzt wurde. Dabei ist es geblieben: Man muss dieser Generation Programm vorsetzen, selber hat sie keins.

Und während die 68er älter wurden und bisweilen sogar von einer richtigen Vergangenheit eingeholt wurden, halten sich die Generationen nach Goetz ans Zuschauen: Alles immer nur mit angesehen zu haben und dabei cool geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Und während manche 68er durchmarschierten bis nach oben, reich oder berühmt oder Minister wurden, dachten die Nachgeborenen beim Wort "Minister" allenfalls an Monty Pythons Ministerium für komische Gänge: Bewegung und Spaß waren wichtiger als Text.

Das hat den besessenen Weltmitschreiber Rainald Goetz überzeugt. Er stieg ein ins Nachtprogramm. Er wurde der große alte Mann der deutschen Jugendkultur.

Die Jüngeren respektieren ihn wie einen, der nicht anders kann. Goetz steht neben den DJs wie ein etwas verrückter, nervöser Ingenieur: Er weiß, wie die Nacht funktioniert. Wenn er mit seinem Kapuzenjäckchen irgendwo auftaucht - trägt man die Kapuze hinten, schützt sie vor Kälte, trägt man sie vorn, schützt sie vor Chill-out-Morgenlicht -, kann nichts schief gehen. Denn dieser ichige und doch seltsam ich-lose Apostel des Augenblicks stellt sich den Erscheinungen als eine Art Passage zur Verfügung. Ein Moment, der durch die Goetz-Sinnespassage rauscht, wird bleiben. Goetz ist die moderne Variante von Poes Mann der Menge - süchtig nach Getümmel, ein Zapper und Raver, schlaflos, eitel. Wo er ist, ist Kunst. Jeder fixierte Moment wird von ihm sozusagen signiert, jede Fernsehprogrammmitschrift ist ein Akt des Bergens.

Der Künstler berührt die Welt an möglichst vielen Stellen, wodurch sie erfährt, dass alles zusammenhängt: "Und zwar an Orten, wo viele Menschen zusammen sind, die eigentlich gar nichts Bestimmtes beobachten, in einer solchen Vielzahl und begleitet von einer solchen, sich gegenseitig exponentiell potenzierenden geistigen Energie, denn an jedem dieser einzelnen Blickereignisse hängen ja zillionenfach funkelnde Hirnzellenaktivitäten, Emotionen, Gedanken, tief hinab ins Vergangene reichende Gesc hichten usw usw".

Rave, Rainald Goetz' Erzählung von 1998, liest sich wie das Protokoll eines Selbstversuchs: Kann man sich in der Masse auflösen, in Rhythmus, Rausch und Sex, ohne verloren zu gehen? Der Erzähler wechselt tänzerisch von der Ich- zur Er-Form, und wo Bret Easton Ellis in seinem Roman American Psycho andauernd Markennamen einstreut, da nennt Goetz in Rave die Vornamen befreundeter Szenegänger. Auch hier ist Markt, und jeder Name ist eine Marke.

Es klingelt das Kleingeld der Literatur: Atemloser Tratsch, die banale Episode, das Gerücht treiben den Text voran. Goetz erwähnt gern Leute, die in benachbarten Büchern und Ateliers am Projekt Weltmitschrift arbeiten. Wenn man Autoren dieses Kreises parallel zu Goetz liest, bemerkt man dasselbe Namedropping: Künstler lehnen sich, einander grüßend, aus ihren Werken. Und wir ahnen, was die deutsche Popliteratur eigentlich sucht: eine Factory, einen Ort, an dem man unter sich sein kann und von möglichst vielen Zaungästen beobachtet wird.