Wenn es um Milliarden geht, versuchen Politiker sogar das Bundesverfassungsgericht auszutricksen. Dabei ist das Urteil des höchsten Gerichts unmissverständlich: Zuerst muss der Gesetzgeber "verständliche und nachvollziehbare" Kriterien beschließen, nach denen künftig Bund und Länder die Steuereinnahmen unter sich aufteilen. Erst danach darf um die konkreten Summen gefeilscht werden.

Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die politische Praxis anders aussehen.

Weil die Unterhändler - die Regierungschefs von Bund und Ländern und deren Kassenwarte - am Ende keine bösen Überraschungen erleben wollen, drehen sie die Reihenfolge einfach um: Erst einigen sie sich, wer wie viel bekommt, dann passen sie die von den Verfassungsrichtern verlangten Prinzipien den ausgehandelten Zahlen an. Die Beamten in Berlin und in den Landeshauptstädten mussten für ihre Chefs bereits unterschiedlichste Umverteilungsmodelle durchrechnen. Hamburgs sozialdemokratischer Bürgermeister Ortwin Runde sagt: "Keiner hat seinen Eid aufs Glücksspiel geschworen."

Die Richter in den roten Roben sind nicht die Einzigen, die sich darüber getäuscht haben, was politisch durchsetzbar ist. Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hat sich wohl verkalkuliert. Im Vertrauen darauf, dass die Länder keinen Widerstand leisten, weil sie sich wegen des Streits um das Geld untereinander verkracht haben, witterte er seine Chance: Bei einem beträchtlichen Abspecken des Finanzausgleichs könnte er einige Milliarden zugunsten der Bundeskasse sparen. Doch der Finanzminister hat unterschätzt, wie sehr die Bereitschaft der Länder zu wechselseitigen Kompromissen wächst, wenn es gemeinsam gegen den Bund geht. "Je mehr sich die Länder einig werden", fürchtet ein Eichel-Vertrauter, "desto geringer wird der Spielraum für eine echte Reform."

Der Bundesfinanzminister steht jetzt vor einer der schwierigsten Aufgaben seiner Amtszeit. Nach dem Einstieg in Haushaltskonsolidierung und Steuerreform in der ersten Hälfte der Legislaturperiode wird die künftige Umverteilung der Staatseinnahmen zwischen Bund und Ländern sowie zwischen reichen und armen Ländern das beherrschende Thema der Finanzpolitik in diesem Jahr. Die Reform des Finanzausgleichs und die Anschlussregelung für den Solidarpakt sind nicht nur für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Ländern von herausragender Bedeutung. Nur wenn die Länder in Ost und West über ausreichende Finanzmittel verfügen, können sie ihren Bürgern und ihrer Wirtschaft die notwendigen öffentlichen Leistungen bieten - von der Verkehrsinfrastruktur über Bildungs- und Sozialeinrichtungen bis zur Polizei.

Und das gilt nicht nur für die Länder, sondern - in der jeweiligen Kompetenz - auch für den Bund und die Gemeinden. Das Ziel wird vom Grundgesetz vorgegeben: "die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse im Bundesgebiet" zu wahren.

Dabei geht es um sehr viel Geld: Allein 1999 wurden zwischen Bund und Ländern knapp 60 Milliarden Mark im horizontalen (unter den Ländern) und vertikalen (vom Bund zu den Ländern) Finanzausgleich umverteilt. Mehr als 80 Prozent davon flossen in die neuen Länder einschließlich Berlin. Doch der Länderfinanzausgleich ist nicht die einzige Transferschiene. Über die so genannte Mischfinanzierung und aus gesetzlich festgelegten Geldleistungen kassierten alle Länder zusammen vom Bund weitere 43,5 Milliarden Mark: für den Hochschulbau, für die Förderung von Investitionen, Wohnungs- und Städtebau oder auch für das Wohngeld oder die Ausbildungsförderung.