Pancevo

Wir haben sogar einen Krebs namens Pancevac. Das sagen die Leute in Pancevo, sie sagen: sogar!, wie Bewohner anderer Städte sagen würden: Wir haben sogar Nashörner, oder wir haben sogar eine fantastische Sammlung von Picasso. Hier ist es eben Krebs, ein Krebs, der die Leber frisst.

Natürlich gibt es von Pancevo auch Schönes zu berichten, und es ist besser, mit dem Tröstlichen zu beginnen. Da ist einmal der Fluss, der den weichen Namen Tamis trägt, das Ufer mit den vor Anker liegenden Booten, ein sterbender Kutter in seinem Rost, eine verwitterte Brauerei aus dem 19.

Jahrhundert, das Waldstück am anderen Ufer und eine Promenade, von der aus die Spaziergänger, wenn sie zur Stadt hin blicken, zarte Kirchtürme sehen können. Wollte ein mittelmäßiger Maler alles das auf ein Bild bannen, es ergäbe ein Idyll. Und das ist auch gut so, denn an irgendetwas müssen sich die Leute ja festhalten in Pancevo, an dem Gedanken zum Beispiel, dass von heute aus besehen früher doch alles besser gewesen sei.

Es lässt sich ziemlich genau datieren, wann das Früher zu Ende ging: Anfang der sechziger Jahre. Damals wurden die Ölraffinerie gebaut, der petrochemische Komplex und die Düngemittelfabrik. Tito forcierte in seinem Jugoslawien die Industrialisierung, die Arbeiterklasse wuchs, und die Bauern waren froh, der Scholle entflohen und im Herzen der Arbeiteraristokratie angekommen zu sein. Immerhin gab es gutes Geld in den Fabriken von Pancevo, bessere Löhne als an den meisten anderen Arbeitsstellen. Der Sozialismus ließ sich seine Truppen etwas kosten. Die Stadt verdreifachte ihre Einwohnerzahl innerhalb von drei Jahrzehnten auf heute rund 90 000. Beeindruckende Zahlen, und um Zahlen ging es damals, Tonnagen, Produktionspläne.

Das historische Zentrum, wenn man denn die wenigen Kopfsteinpflastergassen und die dazugehörenden niedrigen Bürgerhäuser so nennen will, die struppige Allee und die drei autofreien Ecken, das Zentrum hat man schnell hinter sich gelassen, dann geht es nach draußen auf der schnurgeraden Vojlovica-Straße, die durch das gleichnamige Dorf führt, dessen Häuser Appell stehen. Hier wachsen die Schlote der Raffinerie aus der platten Erde, hier liegen die dicken grauen Körper der Düngelmittelfabrik, und hier verlaufen sich die Rohre, Leitungen und Behälter der Petrochemie zu einem Gewirr. Alles wurde buchstäblich aus dem Boden gestampft, so schnell, dass heute ein Kloster mitten in der Raffinerie steht, es durfte nicht abgerissen werden, so schloss man das Haus Gottes einfach in die moderne Zeit ein. Die Mönche, die immer noch dort leben, starren von ihrem Fenstern auf das Fabriktor, auf schmierige Asphaltwege und das ewige Feuer der Raffinerie. Das Brummen der Maschinen begleitet tagein, tagaus die Gebete der Mönche wie ein dunkler, zischender Ton. Die Fabrik herrscht in Pancevo, nicht Gott.

Am 15. April 1999 nahm die Nato den Industriekomplex in ihr Zielbild.