In den Karpaten, zu Besuch bei einer Tante, so erzählt György Ligeti, habe er als kleiner Junge den Klang des rumänischen Alphorns Bucium kennen gelernt - und seitdem dessen reine Naturstimmung, die hinaufreicht bis zum 16. Oberton, nicht mehr vergessen. Ligeti liebt tonale Systeme, die sich abseits der abendländischen Tradition bewegen. Immer wieder hat er gegen die wohltemperierte Stimmung ankomponiert, mit unterschiedlichen Strategien. Er hat die Instrumente gegeneinander verstimmen lassen, hat sich in außereuropäische Skalenstrukturen vertieft und mit mikrotonalen Spannungsverhältnissen experimentiert, immer auf der Suche nach einer klanglichen Terra incognita jenseits von herkömmlicher Tonalität und zwölftöniger Atonalität. So beginnt auch das neue Hornkonzert, das Marie Luise Neunecker und das holländische Asko-Ensemble zum 50-jährigen Jubiläum der Konzertreihe das neue werk in Hamburg uraufgeführt haben: Ligeti spielt mit den Intonationsabweichungen zwischen vier Naturhörnern und den temperiert gestimmten Instrumenten. Ganz leise, ganz weich, Andante espressivo, setzen die Hörner ein und evozieren einen Klangnebel voll irisierender Intonationsschwebungen, dessen zauberische Atmosphäre im Verlauf des Stücks immer wieder aufgegriffen wird. Der Komponist fasst sich kurz. Sechs Sätze hat das Werk, die sich wiederum jeweils aus kontrastierten Miniaturen zusammensetzen. Noch aus der kleinsten Episode spricht der unverwechselbare Ligeti-Tonfall: die ruckartigen Perspektivwechsel in der Abfolge der einzelnen Teile, die wie verätzt wirkenden Klangflächen, die über ihren aberwitzigen Schwung stolpernde Pseudofolklore, die vertrackt ineinander greifenden Zahnräder seiner polyphonen Fantasie, die equilibristisch ausbalancierten Schieflagen und dazwischen immer wieder die leicht nostalgischen Solohornpassagen, einmal sogar mit schein-naiven Echowirkungen.

Ligeti, wie man ihn kennt. Kein neues Kapitel in seinem OEuvre, aber eine aparte und raffinierte Komposition mehr. Eine rätselhafte Sehnsucht liegt über dem Hornkonzert. Sehnsucht, wonach eigentlich? Claus Spahn