Viel hat Stefan Ehl seinen Kunden auf den ersten Blick nicht zu bieten: zwölf Buchstaben und zwei Punkte, nicht mehr. Dafür sind 50 000 Dollar ein stolzer Preis. Doch seine Ware ist ein Unikat: www.ihrfilm.de gibt es kein zweites Mal auf der Welt. Ehl hat sich diese Internet-Adresse, eine so genannte Domain, für 19,80 Mark registrieren lassen. Jetzt hofft er auf eine Rendite, die ihm keine Aktie und kein Grundstück bietet. Mit der "Bodenspekulation" im Netz wird man bald viel Geld verdienen können, prophezeien die Domain-Händler. Doch noch lässt das Geschäft auf sich warten, zumindest in Deutschland.

Nächtelang hat Stefan Ehl zu Hause in Recklinghausen vor seinem PC gesessen und Namen in die Tastatur getippt. Lange erfolglos: Alle guten Adressen, die ihm einfielen, waren registriert, die freien unbrauchbar. Doch schließlich entdeckte er die Nische: Auf www.ihrfilm.de war noch niemand gekommen - Ehl schlug zu. Fast ein halbes Jahr ist seitdem vergangen, doch auf seiner Seite ist noch nichts zu sehen außer einem Logo des Internet-Anbieters, auf dessen Rechner die Seite liegt. Aber Ehl will die Adresse auch gar nicht selbst nutzen. Seit Juni bietet er sie in der Domain-Datenbank Sedo.de zum Verkauf an. "Hinter dem Namen steckt eine Idee, eine große Investition in die Zukunft", sagt er. "In fünf oder sechs Jahren wird man sich Filme in bester Qualität aus dem Netz ziehen können. Dann wird www.ihrfilm.de eine erste Adresse sein." Da seien 50 000 Dollar nicht zu viel.

Stefan Ehl ist kein Einzelfall: Spätestens nachdem die Domain www.business.com in den USA ihrem Verkäufer fünf Millionen Dollar eingebracht hat und in den Medien die Ente kursierte, www.sex.com sei für mindestens 85 Millionen Dollar zu haben, wollen auch Deutsche mit .de-Adressen reich werden. Und ihre Aussichten scheinen sich von Tag zu Tag zu verbessern: Seit sogar Imbissbuden und Hundefriseure im World Wide Web für ihre Dienste werben, sind griffige Internet-Adressen knapp geworden. Auf gut Glück einen Namen einzugeben und registrieren zu lassen, das funktioniert längst nicht mehr. Mehr als 3,8 Millionen Domains mit der Endung ".de" verwaltet die Denic, die Genossenschaft deutscher Internet-Provider. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl um zwei Millionen gestiegen - und immer noch kommen jeden Monat rund 200 000 dazu. Doch für Spekulanten und Unternehmen sind nur wenige davon wirklich attraktiv.

Dabei ist die Formel für die Erfolgs-Domain theoretisch ganz leicht: "Eine gute Adresse besteht aus einem kurzen, einprägsamen Begriff - zum Beispiel einem bekannten Schlagwort wie ,Auto' oder ,Buch'", sagt Tim Schumacher. Er sollte es wissen: Zusammen mit zwei Freunden hat er Ende 1999 die Domain-Datenbank Sedo.de gegründet. Das System funktioniert ähnlich wie ein Kleinanzeigenmarkt. Wer eine Adresse verkaufen will, gibt deren Namen, den Preis und seine E-Mail-Adresse an. Interessenten können dann in der Datenbank in bestimmten Gebieten wie Wirtschaft, Reise oder Erotik stöbern und ein unverbindliches Gebot abgeben. Sedo.de leitet die Anfragen an den Inserenten weiter, und der entscheidet, ob er das Angebot annehmen will.

Fünfstellige D-Mark-Preise seien für eine gute Adresse durchaus gerechtfertigt, sagt Schumacher. "Der Besitzer der Domain Italien.de spart jeden Monat Tausende Mark für Werbung. Denn viele Benutzer probieren erst einmal diese Adresse aus, bevor sie ,Italien' in eine Suchmaschine eingeben und Millionen Seiten zur Auswahl erhalten." Eine kompliziertere Adresse wie www.italien-reisen.de müsste er dagegen erst bekannt machen. Da zahle sich der Kaufpreis schnell wieder aus.

Doch häufig klafften die Erwartungen der Verkäufer und der Interessenten über den Preis noch zu weit auseinander. "Die Domain-Anbieter gehen oft von utopischen Höchstpreisen aus, die Rekordverkäufe in den USA erzielt haben, und die Käufer wollen nicht viel mehr als die Registrierungsgebühr zahlen", sagt Schumacher. Die überhöhten Preise werden vermutlich vor allem von Privatleuten verlangt, die jetzt die Domain als Anlageobjekt entdeckt und den größten Teil der Adressen reserviert haben. Ende 1999 hielten die Firmen noch rund 25 Prozent der Domains, heute sind es nur noch 20. "Seitdem die Reservierung nur noch ein paar Mark kostet, nimmt der Anteil der Privatbesitzer rapide zu", sagt Denic-Sprecher Klaus Herzig. Und die haben offensichtlich vor allem den Weiterverkauf im Sinn. Schumacher: "Die Hälfte aller registrierten Domains wird von den Besitzern nicht benutzt."

Inzwischen gibt es wahre Domain-Sammler, die mehrere hundert Adressen zum Verkauf anbieten. Oft stellen sie sogar Pakete mit ähnlichen Adressen zu einem Thema zusammen. Doch wohl nur wenige haben so viele Domains wie einer der außergewöhnlichsten Sedo.de-Kunden: Ein belgischer Arzt besitzt 200 000 Stück. Schumacher bezweifelt aber, dass sich das Geschäft für den Mann lohnt: "Der muss im Jahr allein rund zwei Millionen Mark Gebühren bezahlen. Ich glaube kaum, dass er das Geld durch Verkäufe wieder hereinbekommt", sagt er.