Der Mann blickt hinaus auf die Straße, vom ersten Stockwerk eines Hauses, in dem er wie durch einen seltsamen Zufall noch wohnt. Von außen betrachtet ist es das einzige erleuchtete Fenster. Die anderen sind zugeklebt oder von innen isoliert. Die tiefbraune Fassade sieht aus wie ein rechteckiger, alter Keks, an dem das Wetter und die Zeit nagen und dabei weder Stuck noch Stein ganz gelassen haben. Durch die Baulücken zu beiden Seiten wirkt das Gebäude schutzlos: das offiziell letzte besetzte Haus in ganz Berlin, Rosenthaler Straße 68, in Mitte.

Peter wendet seinen Blick in den Raum. Ernst sieht er aus, die Kappe tief in der Stirn, in seinen roten Daunenanorak zurückgezogen wie in einer Rüstung.

Die dicken Stiefel hat der 39-Jährige anbehalten, denn hier zu wohnen bedeutet Arbeit. Nachdenklich betrachtet er die silberfarben gestrichenen Wände, die mit den Skulpturen und Bildern, Relikten vergangener Jahre und Menschen, verwachsen scheinen. Der Raum strahlt eine eigenwillige Ruhe aus.

Wie die eines Buches, das viele Geschichten erzählen kann. Zwischen bunten, aufflackernden Neonröhren dreht sich langsam die Diskokugel.

Peter erinnert sich, an diesem besonderen Tag, dem 17. Januar: Vor elf Jahren war die Besetzung. Nun liegt vor ihm der Brief des Gerichtsvollziehers, der gerade jetzt, zum Jubiläum, die Räumung verlangt.

Vor elf Jahren lebte Peter in Kreuzberg, als ein Freund kurz nach dem Fall der Mauer mit einem Aufruf zur Besetzung des Hauses in der Rosenthaler Straße 68 vorbeikam. Peter ist im Osten von Berlin geboren und 1985 abgehauen: mit einem Visum nach Ungarn, mit dem Fahrrad zur jugoslawischen Grenze, durch den Fluss auf einem Rettungsring, in Jugoslawien zu 14 Tagen Haft verurteilt, über Italien und - nach einem Umweg von über 2000 Kilometern - zurück auf die andere Seite von Berlin, nach Kreuzberg, nur wenige Kilometer Luftlinie von seinem Ausgangspunkt entfernt.

In Kreuzberg gab es damals keinen Freiraum mehr, viele besetzte Häuser waren geräumt. Also packte Peter seine Sachen und fuhr mit einem Lkw voller Baumaterial, das er für seine Kunstwerke brauchte, über die Grenze, nach Berlin Mitte, dahin zurück, wo er seine Jugend verbracht hatte. Damals standen gegenüber der Rosenthaler Straße 68 noch verfallene Gebäude. In denen habe ich als Kind oft gespielt, wenn ich die Schule schwänzte - und auf das Haus geschaut.