In solchen Zeiten, plaudert der Mann am Autotelefon irgendwo in der Pfalz, sei "Ruhe die erste Bürgerpflicht". Er müsse das "vorleben". - "Tu ich ja auch!" Den Bauern, berichtet er lachend, und es klingt tatsächlich nicht übernervös, habe er gerade sagen müssen, er sei es nicht gewesen, der die Schweine mit Antibiotika gefüttert hat. Und wenn nun auch er sich in den Distanzierungs- und Bußfertigkeitsreigen seiner Minister einreihen soll, bloß weil er als Anwalt einen Professor verteidigte, der eine Veröffentlichung des Mescalero-Aufsatzes für eine Sache der Meinungsfreiheit hielt? Von einem "Stück politischer Justiz" sprach er damals in seinem Plädoyer. Der Kanzler heute: Ja, sind die denn klar im Kopf?! Gerhard Schröder ist am Telefon, und er ist auch in voller Fahrt.

Es gäbe Wichtigeres. Das Weltklima. Die Bauern und Ärzte. Den Kongo. Bush.

Das Klonen. Kein Wunder, wenn Gerhard Schröder diese Debatte über die Vergangenheit Jürgen Trittins, Joschka Fischers oder auch über sich unwirklich vorkommt, und unehrlich ohnedies. Es geht nicht um Wahrheit, da ist er sich sicher, sondern um ein Gebräu aus Springer-Verlag, CDU und Bauer-Verlag.

Die Proportionen stimmen so wenig wie die Maßstäbe. Inzwischen aber, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, wird das, was Schröder eine abgesprochene, gezielte Kampagne nennt, zur Bedrohung für die rot-grüne Regierung. Noch wankt sie nicht. Seine Koalition würde auch nicht stolpern über Jürgen Trittin, den Umweltminister, dem im Parlament - und von einigen Medien - seine Vergangenheit vorgerechnet und "klammheimliche Freude" über die Ermordung Siegfried Bubacks am 7. März 1977 unterstellt wird. Ganz so, als hätte der Grüne den anonymen Mescalero-Text zu verantworten, wenn schon nicht vom Motorrad aus mitgeschossen. Aber die Regierung geriete ins Wackeln, ja, sie wäre wohl am Ende, wenn sie ihren Außenminister verlöre.

Vor allem geht es darum, ob der Machtwechsel 1998 ein Irrtum war

Und Fischer war schon einmal beinahe so weit. Einen Moment lang, der Spiegel mit dem Titel über die wilden Jahre des Außenministers wurde gerade gedruckt, hat er daran gedacht, sich der Fesseln zu entledigen, die das Amt aus seiner Sicht in dieser Lage so mit sich bringt. Plötzlich dieses Gefühl, dass es ihm ein bisschen wie Bill Clinton ergehe, und die Frage, warum man sich dies denn antun solle. Allerdings war das Volk bei Clinton anderer Ansicht als die Meinungsmacher, und könnte das hier nicht ähnlich sein?

Es kann, wer will, das Ganze als reine Vergangenheitsdebatte lesen. Wie war das damals? Die Frage wäre sogar hilfreich, wenn es gelänge, auszudifferenzieren bis in die Lebensläufe hinein, den zeitlichen Kontext im Auge zu behalten, bei der Antwortsuche endlich von den pauschalen Behauptungen wegzukommen über "die Linke", die zur Gewalt neige, oder die "Gewalt", die nur mit dem blutigen "Dritten Reich" zu vergleichen und deshalb auch mit der entsprechenden "Trauerarbeit" (Die Welt) abzugelten sei.