Karlsruhe hat gesprochen: Fernsehaufnahmen von Gerichtsverhandlungen dürfen ausnahmslos verboten bleiben - sie müssen es aber nicht. Damit liegt der Ball jetzt im Feld des Gesetzgebers. Wenn er will, kann er das strenge Tabu lockern. Er sollte es auch.

Selbstverständlich nur in Maßen, nicht bei Strafprozessen, nicht wenn Höchstpersönliches berührt ist, Angeklagte und Zeugen vernommen werden.

Gerichtsverhandlungen sind kein Theaterspiel. Aber warum nicht einige Prozesseröffnungen und Urteilsverkündungen filmen? Oder den Streit vor dem Verwaltungsgericht, wenn es um die Verlegung einer Bahntrasse oder die Genehmigung eines Kraftwerks geht? Um Himmels willen, rufen die Bedenkenträger, wehret den Anfängen. Sie befürchten Big Brother im Justizpalast und warnen vor Verhältnissen wie in Amerika. Wenn den Fernsehteams die Tür zum Gerichtssaal nur ein Spalt weit geöffnet werde, sagen sie, gebe es kein Halten mehr.

Aber was berechtigt eigentlich dazu, die Öffentlichkeit auf die so genannte Saalöffentlichkeit zu beschränken? Warum dürfen Vertreter der schreibenden Zunft aus dem Prozess wort- und detailgenau berichten, ihre Kollegen vom Rundfunk aber keine bewegten Bilder und Originaltöne senden? Das Wort des Reporters, sein individueller Blick auf das Geschehen manipulieren und verzerren die Wirklichkeit nicht weniger als der Kameraschwenk. Auch Printmedien sind auf eine schlagzeilenträchtige Geschichte aus, auf Sensationen und Profit. Und ist die erlaubte Bilderjagd auf den Gerichtsfluren nicht manchmal entwürdigender, als es ein Live-Bericht nach Maßgabe des Gesetzes je sein könnte?

Es stimmt: Ein Gerichtsprozess findet in der Öffentlichkeit statt, nicht für sie. Doch die öffentliche Verhandlung ist mehr als nur ein Schutz gegen Geheimjustiz, sie soll den Bürgern Einblick in das Justizgeschehen verschaffen. Deshalb wurde schon in der Kaiserzeit sämtlichen Medien Zutritt gewährt. Fernsehen gab es damals noch nicht

es wurde erst 1964, lange nach seinem Siegeszug, aus dem Gerichtssaal verbannt. TV-Arbeiten störten den ordentlichen Gerichtsablauf, lautete damals das Argument. Im Jahr 2001 lässt sich dieses ausnahmslose Verbot nicht mehr rechtfertigen. Denn wer heute den Rundfunk ausschließt, beschränkt die Informationsfreiheit vieler Menschen - all jener, die fernsehen und nicht lesen.