Zeltplane, Schlafsack, Allwetterkleidung, Notizblock, Stift und ausreichend Wasser. Kein Essen, kein Buch als Zuflucht, kein Handy als Sicherheitsnetz.

In eine vision quest, eine Visionssuche, zieht man wie ein Soldat ins Nahkampftraining. Doch was aussieht wie ein Survival-Abenteuer, hat zum Trainingsziel die Selbsterkenntnis: Tage und Nächte lang sitzen Männer und Frauen allein in der Wildnis, ausgestattet nur mit dem Notwendigsten, und suchen nach Antworten auf ihre Lebensfragen - in der Natur, der eigenen Vergangenheit, in jedem Ich-Winkel.

Der neue Trend der Psychoszene schwappt gerade aus den USA nach Deutschland.

Schon mehr als 30 so genannte Visionssuche-Leiter gibt es hierzulande. Sie führen die Teilnehmer ihrer Seminare in die Gebirgsschluchten Sloweniens, die Wüsten Kaliforniens und des Sinai, aber auch in den Bayerischen Wald.

Zielgruppe sind Menschen, die sich in ihrem Leben an einem Wendepunkt oder in einer Krise befinden. Und das kann jeder sein. Manche Anbieter rücken spezielle Zielgruppen in den Mittelpunkt. Leitende Manager zum Beispiel, bei denen der Wandel zum Geschäft gehört. Oder - ganz neu im Programm - High Potentials, Nachwuchskräfte mit Perspektive. Die Krähberg Gesellschaft im hessischen Sensbachtal verspricht ihnen, dass sie bei der vision quest lernen, ihr ganzes Potenzial zu entfalten: Stärken zu analysieren, Ziele zu definieren.

Ende Oktober im Odenwald. Wir sind zu viert. Zwölf haben kalte Füße bekommen und kurzfristig abgesagt. Nina (30) ist Apothekerin, Benedikt (20) Jungunternehmer und Michael (22) studiert noch - Völkerkunde. Vielleicht nicht alle ausgewiesene High Potentials mit Karriereziel Topmanager. Aber auch nicht gerade esoterische Spinner. Wenngleich Beobachter uns für solche halten könnten. Etwa, weil wir mit den Beinen auf den feuchten Waldboden stampfend rufen: Dies ist mein Platz, hier werde ich meine Arbeit tun. Am ersten Tag der Visionssuche für High Potentials, dem Vorbereitungstag, sollen wir uns auf die Natur einstimmen, auf die Einsamkeit, die Fragen, denen wir dann allein im Wald nachhängen werden. Zwei Tage und zwei Nächte lang. Ich stampfe und hoffe nur, dass kein Wanderer oder Mountainbiker vorbeikommt und mich so sieht.

Eine Mischung aus Angst, Euphorie und Skepsis auch in den Gesichtern der anderen. "Ich will sehen, wie mein Hirn mit dem hier klarkommt", sagt Michael und hofft, "innere Ruhe" zu finden. Visionen, das klingt ihm zu "abgedroschen spirituell. Ich bin schließlich kein Medizinmann und will es vorerst auch nicht werden." Die großen Fragen stellt er sich trotzdem. Wer bin ich? Was kann ich? Was kommt in den nächsten 20 Jahren? Nina - die wahrscheinlich als Einzige von uns einen Knollenblätterpilz einwandfrei erkennen könnte - möchte unter Eichen und Buchen für sich klären, wie sie Stress und Zeitdruck im Beruf entkommen und mehr Ordnung in ihr Leben bringen kann.