Kürzlich erstellte das britische Medizinjournal The Lancet eine mörderische Endabrechnung. Beschrieben wurde das Wirken Harold Shipmans, Arzt und produktivster Killer der europäischen Kriminalgeschichte. Der Brite war mit der Heroinspritze in der Nachbarschaft unterwegs und hat in 15 Jahren wahrscheinlich mehr als 200 ältere Damen getötet. Für 15 Fälle wurde der Horror-Doktor vergangenes Jahr zu 15 mal lebenslang verurteilt. Schweigend sitzt er jetzt im Knast. Aber eine unausgesprochene Botschaft birgt Shipmans bittere Bilanz dennoch: lest Statistiken!

Hätte einer im Gesundheitsamt nur oberflächlich die Sterbegewohnheiten der lieben Mitbürgerinnen studiert, zwei Dinge wären aufgefallen: Erstens lieferte Doktor Shipman allmonatlich doppelt so viele Todesbescheinigungen ab wie seine Kollegen. Zweitens starb man in den Orten, in denen Shipman tätig war - sie heißen Todmorden und Hyde! - mit Vorliebe zwischen 13 und 19 Uhr.

In diesen Stunden ging der Arzt auf Hausbesuch. Besonders ungestüm legte der schlimme Doktor los als er in der Gruppenpraxis in Hyde alleine die Geschäfte führte. Peinlich berührt, fragt sich die britische Regierung jetzt, ob man nicht die praktischen Ärzte ein wenig besser im Auge behalten sollte.

Dass der mörderische Umtrieb in Großbritannien geschah, soll kein Grund zum Durchatmen sein. Deutschland ist auch in dieser Hinsicht keineswegs immun.

Zwar nicht unbedingt nach dem Willen eines aktiven Herrn Doktor, dafür aber höchst fahrlässig sterben in deutschen Pflegeheimen regelmäßig Patienten - auch unter ärztlicher Obhut. Zwei Prozent aller Hamburger Toten, stellte der Rechtsmediziner Klaus Püschel jüngst fest, weisen am Rücken und Gesäß schwere Durchliegestellen auf. Die Geschwüre deuten darauf hin, dass Pflegekräfte die Bettlägerigen nicht ausreichend gewendet und die Ärzte nicht hingeguckt hatten. Auch mässige Hygiene und schlecht ausgebildete Pflegekräfte sind Gift für die empfindlichen Körper. Püschel kennt Fälle, bei denen sich offene Stellen so tief ins Fleisch gefressen hatten, dass sie zu tödlichen Blutvergiftungen führten. Ein elendes Ableben - schlimmer noch als das Sterben durch Shipmans Giftspritze.

Es gibt ein einfaches Mittel gegen den Tod durch Vernachlässigung: die Todesbescheinigungen nach Unregelmäßigkeiten durchforsten. Ganz nebenbei stößt man dabei auf schleichende Seuchen, entlarvt miese Pflegeheime, wird die unfähigen Chirurgen los. Zwar werden fleißig Daten gesammelt und im statistischen Bundesamt gebunkert. Doch daraus stampft man bloß nichts sagendes statistisches Todesursachen-Mus. Differenzierte Analysen ("Wann kam der Doktor?" - "Wann ging die Oma?") seien zu teuer, sagen Verantwortliche.

Derweil können deutsche Shipmans unbesorgt Hausbesuche abstatten.