Es ist der Stoff für Bürgermeister-Albträume: Tarso Genro, das Stadtoberhaupt im südbrasilianischen Porto Alegre, rechnet an diesem Wochenende mit etwa 10 000 Globalisierungsgegnern aus 120 Ländern. Doch Krawalle wie seine leidgeprüften Amtskollegen in Seattle, London oder Washington fürchtet er nicht. Tarso Genro ist sich mit seinen Gästen ziemlich einig: Die Welt brauche "eine Globalisierung der Rechte und eine gerechtere Verteilung der Reichtümer". Und: In Porto Alegre sind die Globalisierungsgegner unter sich.

Die Industriestadt nahe der argentinischen Grenze will in diesem Jahr erstmals dem schweizerischen Kurort Davos Konkurrenz machen, wo seit 1971 jährlich Konzernchefs, Spitzenpolitiker und Wirtschaftsexperten zum informellen Gedankenaustausch zum Weltwirtschaftsforum (WEF) herbeiströmen.

Porto Alegre erwartet zu seinem neu geschaffenen "Weltsozialforum" (WSF) ähnlich viele Teilnehmer wie die Schweizer: 3000 Delegierte von Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und Arbeiterbewegungen, dazu ein internationales Jugendcamp im Park der Harmonie, einen Aufmarsch der brasilianischen Landlosen, Parlamentarier und Künstler aus vielen Ländern.

In Porto Alegre sollen all die Themen aufs Programm, die in Davos zu kurz kommen. In vier großen Konferenzen geht es um eine neue Weltwirtschaftsordnung, um nachhaltige Entwicklung, um die Rolle der Bürgergesellschaft sowie um die Zukunft von Nationalstaaten und Global Governance. Mehr als 300 Workshops und Kleinkundgebungen behandeln so ziemlich alle Themen der Bürgerbewegungen rund um den Globus: von der Kontrolle schädlicher Finanzspekulationen über Kinderarbeit und Menschenrechte bis hin zur Rolle der Psychoanalyse in Zeiten globaler Märkte.

Den ersten Satz ihrer Abschlusserklärung haben die Veranstalter schon formuliert: Sie soll ein Plädoyer für "eine andere mögliche Welt" sein, fernab der Vorstellungen neoklassischer Ökonomen und der Interessen multinationaler Konzerne.

Eine große Vision - mit dem praktischen Problem, dass sie die Protestbewegung gegen Davos jetzt zumindest räumlich gespalten hat. Das WSF ist eine Erfindung des brasilianischen Aktivisten und Exunternehmers Oded Grajew, der in Paris den Herausgeber von Le Monde Diplomatique ("Das neue Jahrhundert beginnt in Porto Alegre"), Bernard Cassen, für seine Idee gewann. Dessen Clique linker Intellektueller aus aller Welt, eine Reihe zahlungskräftiger NGOs und Stiftungen sowie die linke Szene Brasiliens richten jetzt das WSF aus. Aber auch in Davos selbst gibt es einen Gegenkongress namens "Public Eye on Davos", der wie in den vergangenen Jahren von der Dritte-Welt-Gruppe "Erklärung von Bern" sowie einigen Partnergruppen ausgerichtet wird. "Es gibt hier keine Widersprüche und keine Zweiteilung", beteuert Jolanda Piniel von Public Eye - und betont, dass sie "in diesem Jahr sogar noch mehr Besucher als im letzten Jahr" bei ihren Alternativveranstaltungen erwarte.

Jedenfalls teilen sich jetzt die prominenten Sprecher der Antiglobalisierungsszene, die im vergangenen Jahr noch geballt in die Schweiz gereist sind, zwischen Davos (offiziell), Davos (alternativ) und Porto Alegre auf. Große Organisationen wie Friends of the Earth entsenden Delegierte an beide Orte, andere fahren aus Kostengründen zum jeweils näher gelegenen Kongress. "Unsere Delegierten haben eben nicht so viel Geld wie die Macher in Davos", klagt der WSF-Erfinder Oded Grajew.