Es scheint, ein unsichtbarer Dramatiker habe sich vorgenommen, ein einziges Thema zweimal zu verarbeiten. Ein Stoff für zwei Stücke. Eine Geschichte doppelt in den Weltenlauf geworfen: als Tragödie und als Komödie. Zwei Deutungen ein und derselben Wirklichkeit. Weinkrämpfe und Lachsalven, einander übertönend.

Im Saal 337 des Strafjustizgebäudes Hamburg wird das Stück von der Entführung des Jan Philipp Reemtsma in seinen beiden Fassungen aufgeführt. Hier das stimmlos vorgetragene Martyrium des Opfers, geschildert bis in die subtilste Verästelung der Angst. Dort in lockerem Ton die Schwänke und Anekdoten der Täter, die zeigen, woraus die Kehrseite des Grauens besteht - aus Eseleien, Streitereien, Hanswurstereien.

Von Angesicht zu Angesicht sitzen sie nun einander gegenüber in der Stunde, die die Stunde der Gerechtigkeit sein soll. Hier der Entführte, Jan Philipp Reemtsma, der tragische Star. Dort der wahrscheinliche Kopf der Erpresserbande, Thomas Drach, der selbstzufriedene Narr.

In der Person Reemtsmas hat ein Opfer in seiner reinsten Form auf der Bank der Nebenklage Platz genommen. Seine fast liturgische Aufarbeitung der eigenen Qual in seinem Buch Im Keller hat die große Öffentlichkeit seinerzeit hineinblicken lassen in den Kosmos der Todesangst. Und sie hat den Autor berühmter gemacht, als sein Geld oder die an ihm verübte Entführung es vermochten. Kaum je wurde das Erleben eines Verbrechens penibler seziert und reflektierter formuliert als in Reemtsmas literarischen Erinnerungen an die 33 Tage seiner Geiselhaft.

Reemtsma sucht Gerechtigkeit und gibt sich mit dem Recht zufrieden

Darin unterscheidet sich seine Entführung von der anderer Prominenter wie der des Aldi-Erben Theo Albrecht (1971), des Industriellensohns Richard Oetker (1976) oder der Kinder des Drogeriekönigs Anton Schlecker (1987). Die Entführung des Jan Philipp Reemtsma ist die Entführung schlechthin. Weil ein ganzes Land sie - durch Reemtsmas intelligenten Bericht - nacherleben konnte, wuchs ihre Dimension zu nationaler Größe. 33 Tage Geiselhaft, öffentlich gemacht für ein Millionenpublikum.

Was folgte, war ein Perspektivwechsel. Ein Land, das sich 25 Jahre lang mit der Resozialisierung von Tätern abgemüht hatte, besann sich jetzt auf die Opfer von Verbrechen. Als deren Schutzpatron gilt seither Jan Philipp Reemtsma. Kein antiliberaler Haudrauf, der auf Rache sinnt, sondern einer, der Gerechtigkeit sucht und weiß, dass er sich mit dem Recht zufrieden geben wird. Aber alles, was Recht ist, soll auch geschehen. Deshalb hat er einen Aufsatz verfasst: Das Recht des Opfers auf die Bestrafung des Täters - als Problem. Und deshalb sitzt er nun schon im dritten Prozess und fixiert mit Blicken den Letzten seiner Entführer. Keinen Prozesstag in eigener Sache hat der Nebenkläger Reemtsma in all den Jahren bisher versäumt.