In der Liste "Träume der Menschheit" kommt gleich nach dem Traum vom Fliegen an zweiter Stelle der Traum, die Zeit aufheben zu können. Im bretonischen Raum oblag diese Angelegenheit in mythischen Vorzeiten einer Gottheit, die sinnigerweise "Nu" genannt wurde.

Stillstand der Zeit ist nicht erreichbar, da ändern auch selbstsuggestive Augenblicke nichts. Aber man kann ihn simulieren. Besonders die Musik ist hervorragend dazu geeignet. Zwei Wege bieten sich prinzipiell an: das Tempo durch musikalische Tricks so weit herunterzufahren, bis alle Bewegung reglos wird

oder durch Beschleunigung die Tonfiguren so schnell losflitzen zu lassen, dass sie ebenfalls zu erstarren scheinen. Beat Furrer ist ein Spezialist im Spiel mit der rasenden Zeit.

Sein Ensemblestück nuun (1996) wird in einem virtuosen Pianissimo abgespult.

Hurtig arbeitende Klangwesen bilden klappernde Motivketten, rennen als Sechzehntelgirlande durch die Klangparzellen. An Kondensationspunkten erstarren die Bewegungen zwischenzeitlich, verstopfen wie ein traffic jam den Verkehr, bis Strömung und Gegenströmung einander passieren und unabhängig dahinfließen - von archaischen Energien getragen.

Der 36-jährige, in der Schweiz geborene Furrer war Kompositionsstudent von Roman Haubenstock-Ramati, ist Mitbegründer des Klangforums Wien (das er auch oft dirigiert) und seit 1991 Professor für Komposition in Graz. Eine CD mit vier seiner wichtigsten Kammermusiken ist jüngst bei dem Label Kairos (Kairos 12062 kai, LC10488) erschienen. Die Aufnahmen hat das Klangforum unter den Dirigenten Peter Eötvös und Sylvain Cambreling eingespielt.

Die Komposition still von 1998 ist gleichfalls von aufgeladenen Energieformen geprägt. Furrer benutzt das Bild einer elektrischen Kreissäge: Im Leerlauf hat sie höchste Kraft und Energie, zu hören ist aber nur ein leises Fauchen.