Noch ist der Fernsehzuschauer in den öffentlichrechtlichen Programmen am Sonntag weitgehend vor Werbespots sicher. Vergangenes Wochenende jedoch brach der NDR mit dieser Tradition gründlich: 45 Minuten lang machte der Sender am Sonntag um 23 Uhr in seinem Dritten Programm Reklame für sich und vor allem für seinen Intendanten Jobst Plog. Titel der Dauerwerbesendung: Der NDR - sein Weg zum Unternehmen. Dank Filmautor Tom Ockers wissen wir nun, dass VIP Plog auf internationalen Empfängen immer schon lange mit den Gastgebern parliert, wenn die anderen Gäste noch vorm Eingang in der Schlange stehen.

Oder dass der NDR-Chef seine Mitarbeiter ins harte Managertraining schickt und selber ganz gern auf dem Rennrad an der Hamburger Alster schwitzt.

Natürlich alles nur, um aus der behäbigen Sendebehörde ein modernes Medienunternehmen zu schaffen. Das Publikum wollte das alles nicht unbedingt erfahren: Gerade einmal 80 000 Zuschauer (3,1 Prozent) schalteten den Film ein. Den Tausenderkontaktpreis für diese Eigenwerbung mag man gar nicht ausrechnen.

Und wo bleibt das Positive? Hier: Nicht mehr alles, was mit der Big Brother-Welle auf die Fernsehschirme gespült wird, schwimmt oben. Der Frisör, seit zwei Wochen täglich um 17 Uhr auf RTL, schafft es gerade eben, sich über Wasser zu halten. In einen Frisörladen mit Kameras hinter jedem Spiegel kann jeder gehen, der etwas zu erzählen hat vor allem auch die, die nichts zu erzählen haben und trotzdem ins Fernsehen kommen wollen, um sich die Haare von merkwürdigen Leuten schneiden zu lassen. Der Sponsor, die Firma Schwarzkopf & Henkel, war der Einzige, der nicht verstanden hatte, dass es nicht um Haarpflege ging, und sprang jetzt ab. Vielleicht hatte er sich auch einfach mehr Zuschauer erhofft: Nicht einmal eine Dreiviertelmillion zwischen 14 und 49 Jahren schalten ein, Ältere praktisch gar nicht. Mit einem Marktanteil von 14,7 Prozent liegt Der Frisör deutlich unter RTL-Niveau.

Während noch nach einem neuen Sponsor gesucht wird, versuchte am Dienstag eine Gesandtschaft der Firma Endemol, die den Frisör produziert, bei RTL 2 in München ein anderes ihrer "Real Life"-Formate zu retten: Big Diet. Die teure Show über zehn Dicke, die in einem Container um die Wette hungern, ist gefährdet, weil große Teile der Nahrungsmittelindustrie sie offensichtlich boykottieren wollen. Die Konkurrenz erwartet, dass Big Diet gar nicht auf Sendung gehen wird - auch nicht in abgemilderter und verbilligter Form.

Torben Müller, Stefan Niggemeier (offline@zeit.de)