Gleichförmig plätschert Erik Saties Klavierstück Gymnopédie Nr. 1 aus dem Lautsprecher. Ein Liebhaberpianist kämpft sich beharrlich, aber spannungslos durch das impressionistische Werk. "Die Interpretation blieb blass", würde ein Musikkritiker urteilen. Genau genommen blassgrün. Das ist nämlich die Grundfarbe des Computerausdrucks, auf dem durch ein Visualisierungsprogramm die Lautstärkegestaltung des Laienspiels sichtbar gemacht wird. Farbige Vielschichtigkeit ist darauf kaum zu finden. Von Spannungsbögen ebenfalls nur eine leise gelbgrüne Spur.

Ganz anders dagegen die Abbildung einer professionellen Interpretation. Ein ästhetisch leuchtendes Farbenspiel von Gelb bis Leuchtendrot, gut erkennbar die dynamischen Abschnitte, in die sich Saties populäres Werk gliedert. Die gesamte Bandbreite von piano und forte, die dem Klavier seinen italienischen Namen verehrt hat, wurde vom Profi ausgeschöpft. "Man sollte jedoch nicht Buntheit mit Qualität verwechseln", sagt Jörg Langner von der Humboldt-Universität, der Erfinder dieser so genannten Dynagramme. Hübsche rote Einsprengsel könnten auch von zufällig "laut reingeknallten" Tönen stammen. Wichtig ist, die verschiedenen Schichten eines Dynagramms zu verstehen. Die y-Achse stellt ein Zeitfenster dar, innerhalb dessen die Lautstärke analysiert wird: Ganz unten, bei 128 Sekunden, betrachtet man das Stück als Ganzes. Nach oben hin verkleinert sich das Zeitfenster bis zu einem Sekundenbruchteil, einzelne Töne werden sichtbar. So ergibt das Dynagramm ein Abbild der verschiedenen dynamischen Schichten und Spannungsbögen.

Nicht nur Dynamik betrachtet Langner mit seinen neuartigen Methoden. Auch Tempo, Rhythmus, Harmonik und Melodik untersucht der Musikwissenschaftler und Komponist seit über zehn Jahren. Die Analyse von Melodik steckt allerdings noch in den Kinderschuhen, denn das Geheimnis, warum gerade das Leitmotiv von Mozarts g-moll-Symphonie so beliebt ist, dass es ständig als Handybimmelton missbraucht wird, lässt sich bis jetzt noch nicht entschlüsseln. Für die Dynamik hat Langner aber bereits handfeste Beweise ausgedruckt, die zeigen, dass eine weiträumige Planung der verschiedenen Laut- und Leisephasen den Profi ausmachen. Der schafft es, das gesamte Musikstück zu überblicken und zu gliedern, selbst ganze Symphoniesätze von über 20 Minuten sind für ihn kein Problem. Ein Laie hingegen verfügt über einen dynamischen Horizont von nur wenigen Sekunden. Aber nur langzeitliche Lautstärkegestaltung führt zu als ästhetisch empfundenen Spannungsbögen.

Die moderne Technik lässt manchen Tonkünstler schaudern

"Man kann eigentlich nur den Hut ziehen, wenn man sieht, was für komplexe Abläufe ein professioneller Musiker rein gefühlsmäßig zustande bringt", sagt Langner. "Hier stößt die Wissenschaft in einen Bereich vor, der lange der reinen Intuition vorbehalten war. Gute Musiker beherrschen zwar die Kunst der Dynamik, können jedoch fast nie erklären, wie sie das machen." Was bisher aus dem Gefühl entstand und rein subjektiv nach Anhören beurteilt wurde, sollen jetzt Musikstudenten mithilfe von moderner Technik einüben können. Demnächst wird Langners Programm in Echtzeit laufen. Der Computer erstellt dann schon die Dynagramme, während er das Spiel des Musikers aufzeichnet. Eine Idee von Langner ist, seine Software als CD-ROM zu vermarkten. Jeder Musiker könnte in Zukunft sein Spiel am heimischen PC mit den Interpretationen von berühmten Meistern vergleichen und an seiner eigenen Dynamik feilen.

Schöne neue Welt des Musikunterrichts? Nicht alle Reaktionen von Musikern auf Langners Programme sind positiv. "Vielleicht steckt dahinter die Furcht, dass, wenn man Musik mit dem Computer analysieren kann, der Schritt, Musik mit dem Computer zu machen, nicht mehr weit ist", vermutet Langner. Dabei sei dieser umgekehrte Weg ungleich schwieriger. Aber allein, dass der Rechner zeigt, dass Ästhetik durchaus etwas mit messbaren Werten zu tun hat und nicht nur mit höheren musischen Eingebungen, lässt manchen Tonkünstler schaudern.

Langner hält solche Berührungsängste für unbegründet. "Ich entzaubere die ungeheure Leistung eines Musikers ja nicht mit meinen Verfahren, ich staune umso mehr!", sagt Langner. "Nur weil ich zum Beispiel etwas über Astrophysik weiß, höre ich ja auch nicht auf, den nächtlichen Sternenhimmel zu bewundern."