Offiziellen Berechnungen zufolge sollte er längst erreicht sein, der Punkt, an dem lokales Lebensgefühl exportierbar wird, Marketing, geschicktes Zusammenschmeißing und eine gewisse Chuzpe vorausgesetzt. The Future Sound of ... Andere Städte kriegen das doch auch hin: Chicago, Köln, London, Weilheim. Bloß die Hauptstadt mal wieder! "... können wir rückblickend in musikalischer Hinsicht sagen: In Berlin ging einiges", heißt es im Beiblatt zu einem Sampler mit ortsansässigen Bandprojekten mehr strukturbildend als euphorisch.

Nicht dass es an gutem Willen fehlte. 19 Exempel konnten verpflichtet werden für Berlin macht Schule, das jüngste Repräsentationsprodukt (V2 Records) - wie sagt man: von der Spree? Bis nach Potsdam sind die Talentscouts des jugendbewegten Senders Radio Fritz ausgeschwärmt in ihrem Versuch, kreatives Klein-Klein kanonbildend aufzufangen und abzuschöpfen. Eine Grobsichtung ergibt: Berliner Bands gehen ins Kino, schauen fern, schicken E-Mails. Sie schreiben Pop-Hymnen, die Pop-Hymnen heißen, und geben sich aufgekratzte Namen wie Virginia Jetzt, Zwei-Raum-Wohnung oder Victoriapark. Sie stehen dem Leben in Techno-City aufgeschlossen gegenüber, schlagen aber auch nachdenkliche Töne an: "Shoppen, Poppen - ist es das, was ich will?"

Es flockt und poppt ganz ungeheuer, und dies ist zugleich das Problem: Berliner Bands agieren meistenteils immer noch, als müssten sie für den im Nachwendetumult glücklich abgeschafften Senatsrockwettbewerb kandidieren, will sagen: Sie haben nette Stimmen, hübsche Melodien, verstehen sich auf Bababas und Heyheys, sie besingen die schönsten und gelegentlich auch traurigsten Momente in unser aller Leben, kommen aber von den zwei traditionsbildenden Modellen des helleren Lokal-Feelings nicht lo s, der Neuen Deutschen Welle und dem pilzköpfigen Beatschlager. "Es gibt Mädchen in California, Mädchen in Surinam" - das reicht bis Friedrichshain oder Pankow, kaum aber bis Amsterdam und schon gar nicht bis New York, das in internationalen Zeitschriften, wo man verschärft ein Auge auf Berlin hat, allenthalben heraufbeschworen wird.

Ist Radio Fritz verantwortlich zu machen? Rückt der Sender mit seinem Guten-Morgen-Berlin-Swing den kreativen Sumpf in ein falsches Licht?

Szenegänger könnten so argumentieren - und darauf hinweisen, dass maßgebliche, verdienstvolle Bands gar nicht vorkommen in dieser bahnbrechenden Leistungsschau. Statt sich darüber zu freuen, dass die ruhmreiche Tradition des Scheiterns in der zersiedelten Stadt halboffiziell fortgesetzt wird. Der nächste Berlin-Sampler kommt bestimmt. Bis dahin bleibt man in aller Öffentlichkeit noch eine Weile unter sich. Thomas Groß