Kann das jemand verstehen? Da erreicht der Überschuss in der deutschen Handelsbilanz Rekordhöhen, macht die Exportindustrie Geschäfte wie nie - und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schreibt in seinem jüngsten Konjunkturbericht: "Die Gewinnsituation der Unternehmen hat sich durch den Terms-of-Trade-Effekt deutlich verschlechtert." Das muss wohl heißen, dass die deutsche Volkswirtschaft ärmer wird, wenn sie auf ausländischen Märkten besonders erfolgreich ist.

Terms of Trade - was ist das überhaupt? Am treffendsten übersetzt man den Begriff mit "internationales Tauschverhältnis", und dabei geht es nicht um allgemeine Handelsbedingungen, sondern um einen gewogenen Preisindex. Der setzt die Importpreise in Beziehung zu den Exportpreisen, gewichtet zudem die Preise mit dem Anteil, den die betreffenden Güter am Außenhandel haben. Die Terms of Trade zeigen somit an, wie viel Importe ein Land mit einer Einheit seiner Exportprodukte erwerben kann. Ihre Verschlechterung bedeutet, dass eine Volkswirtschaft für den Kauf der gleichen Menge Importgüter mehr an Exportgütern absetzen muss und dass außerdem die teuren Importe die Binnennachfrage durch einen Entzug an Kaufkraft schmälern. Genau in dieser Situation befand sich die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr, in dem sich die Terms of Trade um über vier Prozent verschlechterten.

"Wir sind also ärmer geworden", resümierten die Konjunkturexperten der Commerzbank, und daran war hauptsächlich der Ölpreis schuld, der in wenigen Wochen enorm in die Höhe kletterte. Um die gewaltig verteuerten Ölimporte zu finanzieren, musste die deutsche Wirtschaft erheblich mehr exportieren als bei dem noch vor Jahresfrist berechneten Ölpreis. Dazu kam der lange Zeit schwache Euro, der die Importe weiter verteuerte, sodass noch mehr heimische Güter für die gleiche Menge an eingeführten Gütern hergegeben werden mussten.

Für ein wohlhabendes und exportstarkes Land wie die Bundesrepublik ist das kein Grund zur Panik. Der Verlust von Wohlstand macht sich konkret und auf kurze Sicht nicht bemerkbar. Er kann unter Umständen durch günstigere Tauschverhältnisse auf neu eroberten Märkten mit neuen Produkten kompensiert werden.

Für ein Land der Dritten Welt dagegen kann es ums ökonomische Überleben gehen. Denn im Grunde wird über die Veränderung des Tauschverhältnisses das Weltsozialprodukt umverteilt. Wer wie die Opec-Länder ein unentbehrliches (also preisunelastisches) Gut wie das Öl anzubieten hat, der kann die Preise weit hochtreiben und dank der dadurch verbesserten Terms of Trade ein größeres Stück vom weltweiten Reichtum an sich ziehen.

Die armen Länder haben keine Möglichkeit auszuweichen, wenn sie auf Öl als Energiequelle nicht verzichten können. Sie haben dem verteuerten Öl aber auch nichts entgegenzusetzen, weil ihre Exportkraft mangels konkurrenzfähiger Produkte zu schwach ist. Um der Verarmung zu entgehen, bleibt nur ein Ausweg: Verzicht auf Importe oder auf Nachfrage im eigenen Land, um mehr exportieren zu können - zwei reichlich unrealistische Möglichkeiten. Da wird der abstrakte Begriff der Terms of Trade schmerzlich konkret.