die zeit: Wenn man sich Ihre Berichte über die Todesangst während der Entführung vergegenwärtigt und nun den laufenden Prozess gegen Ihren Entführer Thomas Drach verfolgt, erscheint die Munterkeit und Komik dieser Veranstaltung reichlich absurd. Geht es Ihnen ähnlich?

Jan Philipp Reemtsma: Ja, in mehrfacher Hinsicht. Naturgemäß sind die Perspektiven von Täter und Opfer unterschiedlich. Sie erzählen unterschiedliche Geschichten. Hinzu kommt hier: Die beiden Haupttäter Koszics und Drach wollen ja jeweils die eigene Rolle verkleinern und die des anderen vergrößern. So kommt es zwischen ihnen zu einem merkwürdigen Wettstreit, der von sich aus schon komisch wirkt.

Außerdem scheint der bereits verurteilte Zeuge Koszics es dem Angeklagten Drach sehr übel zu nehmen, in die Entführung hineingezogen worden, dann gescheitert zu sein und nun mit einer hohen Haftstrafe dazusitzen. Und Koszics will aller Welt deutlich machen, dass - wäre er der Haupttäter gewesen, der er nicht sei - die Sache geklappt hätte. Also versucht er nun, seinen Komplizen als Dilettanten hinzustellen. Koszics' befremdliches Pathos des Berufsverbrechers - der seine Sache im Prinzip gut macht, wenn ihm nicht ein Dilettant hineinpfuscht - führt direkt in die Komödie. Ich als derjenige, mit dessen Leben damals gespielt wurde, kann das nur aushalten, wenn ich die Erinnerungen in mir klein halte. Täte ich das nicht, könnte ich das alles kaum ertragen. Ich muss mir die Sache selber von außen ansehen, so, als könnte ich mich auch darüber amüsieren.

zeit: Amüsieren Sie sich denn tatsächlich?

Reemtsma: Ich bin verblüfft. Die Komik der Verhandlung entgeht mir nicht, doch sie wird gebremst durch all meine anderen Empfindungen. Das führt letztlich zu einer emotionellen Kompromissbildung, meinem Erstaunen.

zeit: Die Komik in diesem Prozess liegt auch in der Banalität des Bösen.

Reemtsma: Das Wort kommt aus einem anderen Zusammenhang, aber man kann vielleicht so viel sagen: Die innere Geschichte dieses Verbrechens, die ich in dem Buch Im Keller aufgeschrieben habe als derjenige, der es erlebt hat, ist eine Geschichte von Schmerz und Leid und Angst und Schrecken. Für diese extremen Emotionen sucht der, der die Geschichte erzählt, ein ähnlich extremes Äquivalent - in der Person des Täters. Er neigt also in der Fantasie dazu, den Täter zu dämonisieren, ihn größer zu machen, auch interessanter.