Die Neunziger waren für Japan ein verlorenes Jahrzehnt. Lag das Land in den achtziger Jahren mit einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von 4 Prozent noch an der Spitze der OECD-Staaten, so stürzte es in der nächsten Dekade auf 1,3 Prozent ab - kein anderes Industrieland hat in der jüngeren Geschichte einen ähnlichen Einbruch erlebt.

Wo liegen die Ursachen, und wo sind die Therapien zu suchen?

Zu den Ursachen: Japan hat einen hohen Preis dafür gezahlt, dass es Ende der achtziger Jahre der Empfehlung der G-7-Gruppe folgte und die Rolle der Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft übernahm. Die lockere Geldpolitik drückte zwar die realen Kapitalkosten und begünstigte einen Investitionsboom mit rasant steigenden Vermögensbewertungen (asset bubbles). Damit aber verfiel auch die Kapitalproduktivität. Investitionen verkamen zu Renditeruinen, als die Geldpolitik wieder straffer wurde und dadurch die Kapitalkosten stiegen. Vom Schock geplatzter asset bubbles haben sich Japan und sein Bankensystem, das auf einem Berg notleidender Kredite sitzt, bis heute nicht erholt.

Die Schockwellen hätten die japanische Wirtschaft allerdings nicht so hart getroffen, wäre das Land nicht so krisenanfällig gewesen. Bis heute sind wichtige Teile der Wirtschaft vom Markt abgeschottet, verkrustet und einträchtig verbunden mit der politischen Führung, wenn es gegen fundamentale Reformen und gegen Marktöffnung geht. Dazu gehören die Landwirtschaft, der Bankensektor, der Binnenhandel und der öffentliche Sektor, die im Windschatten des Wettbewerbs Ressourcenvergeudung betreiben.

Der japanische Yen ist in Konkurrenz zu Dollar und Euro nur eine Regionalwährung ohne Ankerfunktion und kann daher nicht vom Größenbonus einer Weltwährung profitieren. Eine nennenswerte Reform der Alterssicherung hat es bisher nicht gegeben. Die alternde japanische Gesellschaft ist erstarrt in Risikoaversion und Angstsparen, sodass auch eine bedrohlich ausufernde Staatsverschuldung jenseits der Maastricht-Obergrenze die Binnennachfrage nicht nachhaltig beleben konnte. Noch vertrauen japanische Haushalte als Gläubiger ihrem Staat, weil sie bei sinkenden Zinsen von Kursgewinnen der Staatsanleihen profitieren und diese deshalb (noch) nicht verkaufen. Eine kräftige Schubumkehr in Richtung steigender Zinsen, getrieben von Risikozuschlägen internationaler Ratingagenturen, könnte die Treue der Japaner jedoch auf eine harte Probe stellen und letztlich eine Krise auslösen.

Ob es zu diesem Szenario kommt, wird so kontrovers diskutiert wie bei keinem anderen Industrieland. Dies zeigen die extrem unterschiedlichen Wachstumsprognosen, die zwischen null und drei Prozent liegen. Gegenwärtig erfreut sich Japans Wirtschaft zwar einer Verschnaufpause. Unbestritten bleibt aber, dass nur die Rückkehr zu einem deutlich kräftigeren Trendwachstum die Gefahr einer Schuldenkrise beseitigen könnte. Auch dann noch könnten die ungedeckten Verpflichtungen in der Altersversorgung eine Besserung der japanischen Wirtschaftslage verhindern.

Nachhaltige Erholung verlangt zuallererst nach angebotsseitigen Reformen. Das sagt sich leicht und ist mit den Begriffen Deregulierung, Marktöffnung und Entflechtung korporatistischer Strukturen oft umrissen worden. Derartige Reformen rühren aber an den Nerv der japanischen Konsensgesellschaft. Sie schockartig in der ganzen Volkswirtschaft durchzusetzen gilt daher noch immer als Tabu.