Eigentlich kommt der neueste Zustandsbericht über unser Weltklima um gut zwei Monate zu spät. Seine Veröffentlichung hätte man sich im November vergangenen Jahres gewünscht, als Klimapolitiker aller Länder in Den Haag erfolglos über Treibhausgase und Einsparpotenziale stritten. Damals wäre dem Wissenschaftsreport des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) seine volle Sprengkraft gewiss gewesen. Doch vor der Konferenz in Den Haag wurden nur erste vorläufige Ergebnisse an die Politiker verteilt. So gesehen bestärkt die jetzige Publikation des IPCC-Berichtes nur noch einmal im Nachhinein all jene, deren Warnungen in Den Haag ungehört verhallten.

Denn in ihrer nunmehr dritten Wissenschaftlichen Einschätzung des Klimawandels warnt die im IPCC geballte Kompetenz der Klimaforscher noch eindrücklicher vor einer drohenden Erderwärmung als im vorhergehenden Bericht. Prognostizierten sie etwa im zweiten IPCC-Report 1995 einen Temperaturanstieg von 1 bis 3,5 Grad, so ist nun von einer Erwärmung zwischen 1,4 und 5,8 Grad bis zum Jahr 2100 die Rede. Ebenfalls deutlicher als früher wird dem Menschen dabei die Verantwortung zugewiesen: "Es gibt neue und stärkere Belege (evidence) dafür, dass die beobachtete Erwärmung der letzten 50 Jahre zum Großteil auf menschliche Aktivität zurückzuführen ist", heißt es in der Zusammenfassung des Berichtes, die Anfang dieser Woche im Internet publiziert wurde (www.ipcc.ch).

Die vorsichtig-abwägende Sprache ist dabei Programm. Denn letzte Gewissheiten gibt es in der Klimaforschung nicht. Zu komplex ist das Zusammenspiel der Winde und Meere, der natürlichen Variabilität und der menschlichen Einflüsse.

Dazu kommt, dass an dem 1000-seitigen Mammutwerk, das in den kommenden Monaten gedruckt wird, 639 Wissenschaftler mitgeschrieben haben. Und deren Ringen um einzelne Formulierungen ist überall spürbar. "Wahrscheinlich" sei das 20. Jahrhundert das wärmste in den vergangenen tausend Jahren gewesen, heißt es in dem IPCC-Report und "sehr wahrscheinlich" waren die neunziger Jahre die wärmste Dekade seit Beginn der Temperaturmessungen im Jahr 1861.

Eine Fußnote klärt den Leser darüber auf, dass "wahrscheinlich" all jene Ereignisse genannt werden, die in 66 bis 90 Prozent aller Fälle auftreten, "sehr wahrscheinlich" dagegen sind solche, denen man eine 90- bis 99-prozentige Sicherheit zuordnet.

Ähnlich lesen sich auch die Zukunftsprognosen. Wie das Klima in 10, 50 oder 100 Jahren wirklich aussieht, weiß derzeit niemand. Doch die theoretischen Modelle und Computersimulationen erlauben zumindest eine Abschätzung der möglichen Bandbreite künftiger Entwicklungen. So haben beispielsweise die Atmosphärenforscher erstaunt festgestellt, dass ausgerechnet die Erfolge bei der Luftreinhaltung den Treibhauseffekt eher ankurbeln. Denn die Schwebstoffe aus Abgasen, so genannte Aerosole, schirmen die Sonneneinstrahlung ab und bremsen so die Aufheizung der Erde. Schweben weniger Aerosole in der gereinigten Luft, nimmt die Erwärmung zu.

Eine britische Studie berücksichtigt zusätzlich erstmals die Aktivität von Mikroorganismen im Erdboden. Werden diese bei steigenden Temperaturen aktiver, könnten sie mehr Humus abbauen und damit das Treibhausgas Kohlendioxid verstärkt freisetzen. Noch weiß allerdings niemand, wie realistisch dieses Szenario ist.