Am Anfang! Was ist am Anfang, wenn ein mutiger Träumer wie Raúl Ruiz es wagt, Marcel Proust zu verfilmen? Denn mag der Filmtitel Die wiedergefundene Zeit auch nur den letzten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufgreifen, der Film zieht ein weitreichenderes Resümee. Alle Motive der Recherche, alle Sinneseindrücke der berühmten "mémoire involontaire" scheinen auf: wie das Muster eines erlesenen Teppichs, das im wechselhaften Licht der Jahreszeiten und Stimmungen immer neue Liebschaften von Farbe und Form preisgibt. Kaum lässt sich da ein roter Faden isolieren, ohne das Gespinst der Dichtung zu zerstören. Der Exilchilene Raúl Ruiz, im Kino des Eigensinns selbst Legende, überlässt das Dilemma aller Adaptionen einem Bild, das von der Doppeldeutigkeit der Übertragung in ein anderes Medium spricht. Ist der Text ein Strom von Worten, bei Proust zudem ein Ineinanderfließen von Raum und Zeit, warum nicht so beginnen? Ein Bach wird bei Ruiz zum Prolog der Wiedergefundenen Zeit, ein klares Gewässer, dessen Lauf die Kamera folgt.

Dann kippt das Bild aus dem Rahmen des Nachvollziehbaren, der Bach wird bald zum Wasserfall, bald zur Stromschnelle, die zur Quelle zurückkehrt.

Die Erinnerung, die in Prousts Jahrhundertwerk vor- und zurückläuft, während sie die Kontinuität der Narration und der Zeitläufte aufhebt, sie ist auch bei Raúl Ruiz zugleich Thema und Ästhetik. Von einer Literaturverfilmung, für gewöhnlich die freundliche Umschreibung einer Schändung, wie sie etwa Volker Schlöndorff mit seiner in Blumen, Brüsten und Geziertheit erstickten Liebe von Swann exerzierte, kann hier keine Rede sein. Was bei Ruiz gelesen werden muss, ist die Sprache des Films.

Eben noch war das Zimmer winzig, das Marcel Proust seit Jahren nicht verlassen hat und von dem aus er seiner Haushälterin im Jahr 1922 Passagen der Wiedergefundenen Zeit diktiert. Das Bett ist von Möbeln umstellt wie ein Gefangener von seinen Wächtern. Doch nicht nur die Kamera, auch das Interieur setzt sich in Bewegung, entgrenzt das Sterbezimmer zum ausgreifenden und wieder in sich zusammenfallenden Innen-Raum. Aus dieser Wandelhalle des Bewusstseins gehen die Figuren des Romans hervor. Catherine Deneuve hält als alterslos verführerische Odette den Liebenswürdigkeiten des Hochadels stand.

Emmanuelle Béart in der Rolle ihrer Tochter Gilberte verzweifelt an einer Salonfähigkeit, die sie als Gattin des bisexuellen Robert de Saint-Loups in den elitären Kreis seiner Tante, der Herzogin Oriane de Guermantes, befördert hat, aber damit auch in die Stellung einer chronisch Betrogenenen. Marcello Mazzarella gibt als Erzähler Marcel einen eleganten Schatten ab

einen sanftäugigen Beobachter, wie er im Buch der Empfindsamkeit steht. Krank wie sein Schöpfer, ist Marcel weitaus mehr als Prousts Ebenbild. Er ist der Erzähler, der erzählt wird, den Traum und Gedächtnis, Selbstzweifel und sezierender Blick zum Spiegel des modernen Subjekts machen. Aber er ist auch ein Führer durch ein Dante nachempfundenes Inferno, ein Paris der verbotenen und verborgenen Begierden - gelten sie nun dem eigenen Geschlecht oder dem Glanz eines teuer erkauften Adelstitels.

Die Frauen, die Marcel geliebt hat, sind tot wie Albertine oder nicht länger bedeutsam wie Gilberte: "Die Frauen, die wir nicht mehr lieben und die wir nach langen Jahren wiedersehen, zwischen ihnen und uns ist der Tod", sagt der Erzähler. Den Melancholiker erschüttert das Vergessen, das selbst den größten Kummer überwindet. Die Kunst der Beschreibung scheint ihm unzulänglich, um das vergangene Gefühl zu retten. Allein die unvorhergesehene Erinnerung, die ein Klang, ein Geruch, ein Begreifen hervorruft, erfüllt den Erzähler mit Frieden. Die Recherche ist die Geschichte der Metamorphosen, die die Liebe durchläuft, Die wiedergefundene Zeit ihre Absolution durch das Gedächtnis der Kunst. Mögen die Hauptpersonen im Jahr 1928 auch zu Karikaturen ihrer selbst geworden sein, gealtert, senil, grotesk in ihrer Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, auf dem Papier entfalten sich ihre Leiber und Leidenschaften immer wieder. Wie kann der Film dieser Wiederauferstehung begegnen? Nicht durch Rückblenden, denn die gemahnen nur an die Zeit, die hintergangen werden muss. So hat sich Ruiz für das Nebeneinander der Zeit- und Erzählperspektiven entschieden, für das achtjährige Alter Ego, das dem sterbenden Marcel Türen öffnet: ins Herz der Kindheit, in die verzweigten Kanäle des Unbewussten, in die Tiefe der filmischen Zeit.