Es war fünf Uhr morgens an einem 30. Juli, als der Zwanzigjährige seiner Mutter einen langen Brief schrieb und so begann:

Guten Morgen, Mama!

Wie soll ich Dir nur meine Seligkeit in diesem Augenblicke beschreiben! - Der Spiritus kocht und platzt in der Kaffeemaschine, und ein Himmel ist zum Küssen rein und golden, - und der ganze Geist des Morgens durchdringt frisch und nüchtern. - Noch dazu liegt Dein Brief vor mir, in dem eine ganze Schatzkammer von Gefühl, Verstand und Tugend aufgedeckt ist, - die Zigarre schmeckt auch vortrefflich, - kurz, die Welt ist zu Stunden sehr schön, d. h.

der Mensch wenn er nur immer früh aufstünde. Sonnenschein und blauer Himmel ist noch genug in meinem hiesigen Leben

aber der Cicerone fehlt, und das war Rosen. Zwei meiner andern besten Bekannten, von H. aus Pommern, zwei Brüder, sind auch vor acht Tagen nach Italien gereist, und so bin ich oft recht allein, d. h. zuweilen recht selig und recht unglücklich, wie sichs nun trifft. Jeder Jüngling lebt lieber ohne Geliebte als ohne Freund. Noch dazu wird mirs manchmal glühend warm, wenn ich an mich selbst denke.

Mein ganzes Leben war ein zwanzigjähriger Kampf zwischen Poesie und Prosa, oder nenn es Musik und Jus. Im praktischen Leben stand für mich ein ebenso hohes Ideal da wie in der Kunst. - Das Ideal war eben das praktische Wirken und die Hoffnung, mit einem großen Wirkungskreise ringen zu müssen, - aber was sind überhaupt für Aussichten da, zumal in Sachsen für einen Unadligen, ohne große Protektion und Vermögen, ohne eigentliche Liebe zu juristischen Betteleien und Pfennigstreitigkeiten! In Leipzig hab ich, unbekümmert um einen Lebensplan, so hingelebt, geträumt und geschlendert und im Grunde nichts Rechtes zusammengebracht

hier hab ich mehr gearbeitet, aber dort und hier immer innig und inniger an der Kunst gehangen.