Haben es alle gesehen? Wie sich die pfeifende, fäustereckende Elterndemonstration Unter den Linden fortwälzte und zum Reichstag vorrückte? Wie Hunderttausende Deutsche am vorigen Freitag in Berlin einen Riesenaufstand veranstalteten, im Protest gegen die drohende Rentenreform?

Doch da war nichts. Niemand hat sie gesehen, die Eltern waren nicht da, ihre Kinder auch nicht, es gab keinen Ärger in der Hauptstadt. Seltsam: Denn die Rentenreform, die mit dem Versprechen angepackt wurde, auch Frauen, ja Müttern eine wirklich eigenständige Alterssicherung zu gewähren, hat in genau diesem Punkt versagt.

Alle wissen, dass es die Kinderarmut ist, die unser Sozialsystem unterhöhlen wird. In Deutschland werden Hunderttausende von Menschen zu wenig geboren. Wer soll einst für die Älteren sorgen? Woher sollen die Ärzte, die Ingenieure, die Wissenschaftler, die Lehrer und Computerfachleute kommen, um unserem Land eine Zukunft zu geben? Aus dem Internet? Wollen wir nur noch Fachkräfte aus der Dritten Welt abwerben? Kindermangel bedroht die Substanz des Staates. Und wieder hat es die Regierung versäumt, eine jahrzehntealte Politik der Familienverachtung grundsätzlich zu korrigieren.

Sie hat sich nicht zu sagen getraut, dass jede Rente schon heute viel zu hoch ist, aufgebläht durch Summen, die eigentlich anderen zustehen - Eltern nämlich, deren Tätigkeit in Haushalt und Kindererziehung spätere Erwerbsarbeit überhaupt erst ermöglicht, die zum Rentenbezug berechtigt. Womöglich haben die Herren Fraktionsvorsitzenden auch nur darauf gewartet, dass die Frauen- und Familienministerin Christine Bergmann einmal zum Mikrofon geht und dem hohen Haus zuruft, was die offenbar kinderlosen Abgeordneten nicht wissen: dass die Erziehung zweier Kinder viele Jahre dauert und ein aktiver Beitrag zur Rentenversicherung ist, der genauso viel zählt wie eine Berufstätigkeit!

Die nette Frau Bergmann ist in der Männerwelt gescheitert. Zwar erhalten Mütter nach der Reform Kinderfreibeträge, Erziehungszeiten, Berücksichtigungszeiten und kleine Rentenpünktchen, aber noch immer müssen sie elf Kinder gebären und erziehen, um eine existenzdeckende Rente zu verdienen.

Junge Familien, deren Sparquote unter null geht, die also bereits ihre Rücklagen aufzehren, müssen nun noch Geld für private Rentenvorsorge auftreiben. Sparen können vor allem Kinderlose, mit einem Pro-Kopf-Einkommen in jungen Jahren, welches doppelt so hoch ist wie das gleichaltriger Eltern. Deutlicher kann der Staat nicht sagen, dass er von Kindern abrät. Das ist demografischer Irrsinn.

Kinder sind Bürger dieses Staates, sie haben Rechte wie alle: auf Unterhalt, Ausbildung, Lebenschancen. Da reicht es nicht, von "Kindergeld" oder "Familienförderung" zu tönen - was daran Almosen oder Rückgabe falscher Besteuerung ist, darüber verzweifeln Experten. Die Eltern haben ein Recht auf klare Verhältnisse. Der Staat muss sie herstellen, um deutlich zu machen, was Gerechtigkeit heißt, wie Solidarität zu üben ist.