Deutschland im Frühjahr 1945. Während die Wehrmacht noch den totalen Krieg inszeniert, lösen sich andere Teile des Regimes bereits auf. Doch wohin verschwinden sie, die hohen NS-Funktionäre und KZ-Chefs, die Stützen des Regimes, die Eliten des Systems? Wo tauchen sie unter, verschaffen sich saubere Papiere? Zunächst habe man sie in der so genannten Alpenfestung vermutet, erinnerte sich später der US-Volkswirtschaftler John K. Galbraith, der einer Kommission angehörte, die im Mai 1945 ins schleswig-holsteinische Glücksburg gereist war, um dort Exrüstungsminister Albert Speer zu verhören. "Aber die wichtigere Fluchtlinie verlief von Berlin nach Flensburg."

Die Rattenlinie Nord: Nach Schleswig-Holstein, nach Flensburg, in Deutschlands nördlichste Stadt, die unzerstört geblieben war, hatten sich im Frühjahr 1945 verschiedene Gruppen aufgemacht. Mit 150 Personen waren da zunächst Reichsführer-SS Heinrich Himmler und sein Stab, der hier vom 3. bis zum 20. Mai 1945 Quartier bezog. In seinem Gefolge befanden sich unter anderen Reichsarzt-SS und Polizei Karl Gebhardt, der Chef des Amtes Deutsche Lebensgebiete im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf, der Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes Oskar Pohl, einige Höhere SS- und Polizeiführer (HSSPF) sowie die Führung der Inspektion der Konzentrationslager unter Richard Glücks und die KZ-Kommandanten aus Auschwitz, Majdanek, Stutthof und Ravensbrück. Bereits seit längerer Zeit hielt sich der Ex-Kommandant des Vernichtungslagers Chelmno, Hans Bothmann, in Flensburg auf. Man nistete sich in öffentlichen Gebäuden ein, kampierte im Polizeipräsidium und in Gasthäusern, fand Unterkunft auf Bauernhöfen oder tauchte ab in dem unüberschaubaren Marinekomplex von Mürwik.

Darüber hinaus hatte es weitere SS-Ämter, das Hauptamt Ordnungspolizei, die Ämter SD-Inland und Ausland und zu Teilen das Reichskriminalpolizeiamt im RSHA, nach Flensburg gezogen. Auch für die Gestapo fungierte die Stadt als wichtiges Rückzugsrevier. Ganze Staatspolizeistellen wie Stettin und Schwerin (inklusive des dortigen Gestapo-Chefs Ludwig Oldach) waren auf dem Wasserwege in Flensburg eingetroffen, nachdem man zuvor die Gefangenen liquidiert hatte. Schließlich gab es etliche Mitarbeiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, die 1945 im Raum Flensburg auftauchten. Sicherlich der namhafteste NS-Propagandist, der wie kein anderer das Erscheinungsbild des Nationalsozialismus geprägt hatte, war der Reichsbeauftragte für künstlerische Formgebung Hans Schweitzer - alias Mjölnir -, der sich in Hollmühle niederließ. Vom Entnazifizierungs-Hauptausschuss wurde er später als "Mitläufer" eingestuft, nachdem er etliche "Persilscheine" von Bürgern (darunter von VVN-Mitgliedern) vorgelegt hatte.

Die ersten Chefs der Kripo kommen alle aus Himmlers Amt

Während sich die HSSPF Russland-Mitte und Ukraine, Hitlers oberster KZ-Chef Glücks, KZ-Kommandant Bothmann sowie der Stettiner Gestapo-Chef Engel durch Selbstmord der strafrechtlichen Verfolgung entzogen, organisierten andere ihre Nachkriegsidentität. Vor allem zwei Einrichtungen waren bei Identitätswechsel und Abtauchen behilflich: die Marineschule Mürwik, in der etwa die Mitarbeiter der Inspektion der Konzentrationslager mit falschen Soldbüchern und Marineuniformen ausgestattet wurden, sowie das Flensburger Polizeipräsidium, in dem zwischen 2000 und 3000 falsche Kennkarten ausgestellt wurden. Einer, der hier seine Identität wechselte, war der aus Kiel stammende ehemalige Gestapo-Chef von Lemberg Kurt Stawitzki, dem die Beteiligung an der Ermordung von 160 000 Juden angelastet wurde. Während die Behörden später vermuteten, Stawitzki habe Selbstmord begangen, arbeitete dieser unter dem Namen "Kurt Stein" als Registrator in der Zentrale der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Um die neue Identität glaubwürdig erscheinen zu lassen, stellte ein ortsbekannter Konfektionär den NS-Funktionären Zivilkleidung zur Verfügung.

Exemplarisch für das Geflecht der Hilfe, das Hitlers willigen Vollstreckern Unterschlupf bot, steht Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß. Unterstützt von Gesinnungsgenossen, ehemaligen Untergebenen, dem Chef der Marineschule und seinem Schwager - dem Flensburger Kunsterzieher und Maler Gerhard Hensel -, gelang es ihm, unter falschem Namen und auf Vermittlung des Arbeitsamtes auf einem Hof in Gottrupel vor den Toren der Fördestadt als Landwirtschafts-Helfer unterzukommen. Höß gehörte fortan zur Familie; im Gemeinderat machte er sich als Schriftführer nützlich. Die Leute im Dorfe, "die mochten ihn alle", erzählte der Bauer später; für die Bäuerin war er "höflich, bescheiden - und fleißig. Immer hat er gearbeitet! Und er saß abends oft über Büchern."

Nur durch Zufall wurde Höß 1946 aufgespürt und den Engländern übergeben. Sein berüchtigter schwarzer Ledermantel und seine Aktentasche verblieben in Gottrupel: Den Mantel konnte man gut für Malerarbeiten gebrauchen, die Aktentasche des Massenmörders benutzten die Kinder als Ranzen.