Begünstigt durch das alliierte Interesse an einer funktionsfähigen Polizei fanden zur selben Zeit zahlreiche SS- und Gestapo-Funktionäre bei der Kriminalpolizei eine neue berufliche Existenz. Die ersten Chefs der Kripo waren so allesamt leitende Beamte des RSHA, die ihrerseits "Kameraden" nachzogen. Dem ehemaligen Gestapo-Chef von Nordhausen oblag zeitweise die Aufsicht über die Fahndungsabteilung, welche die britische Field Security Section bei der Suche nach SS-, SD- und Gestapo-Männern unterstützen sollte. Für die Verbindung zu den Engländern wiederum war mit Karl Schulz ein ehemaliger Gruppenleiter im RSHA zuständig, der als Adjutant von Arthur Nebe der Einsatzgruppe B angehört und sich unmittelbar am Massenmord beteiligt hatte. All dies war den Alliierten bekannt. 1949 avancierte Schulz zum Kripochef der Polizeigruppe Nord.

FDP-Mann Fellenz wird des 39 000fachen Mordes angeklagt

Auch die Leitung der Bezirkskriminalpolizeistelle befand sich bis 1968 in den Händen von zwei ehemaligen RSHA-Beamten. Während zunächst der ehemalige Chef des Referats für "Vorbeugungsmaßnahmen gegen Berufs- und Gewohnheitsverbrecher sowie Gemeingefährliche" im Reichskriminalpolizeiamt diesen Posten innegehabt hatte, stand von 1960 an Waldemar Krause der Dienststelle vor, der Leiter des für die Judenmassaker in der Ukraine verantwortlichen Sonderkommandos 4b der Einsatzgruppe C.

Vor allem die Justizbehörden erwiesen sich als Tummelstätte ehemaliger NS-Funktionäre. Bis zu seiner Ernennung zum Generalstaatsanwalt 1954 leitete die Staatsanwaltschaft Adolf Voss - ein Mann, dessen juristische Karriere im preußischen Justizministerium durch Förderung des späteren Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, begonnen hatte. In den Augen der Militärregierung galt Voss als unbelastet. Leiter der Politischen Abteilung innerhalb der Staatsanwaltschaft war mit Dietrich Glander ein "alter Kämpfer", der 1937 als Anklagevertreter beim Schleswig-Holsteinischen Sondergericht gewirkt hatte, bevor er bis Kriegsende am NSDAP-Gaugericht Schleswig-Holstein tätig war. Kollege von Glander wiederum war Kurt Jaager, ehedem Staatsanwalt am Volksgerichtshof und Vertreter des Oberreichsanwalts. Von den elf Sachbearbeitern hatten vier Staatsanwälte vor 1945 Funktionen beim Kieler Sondergericht innegehabt. Ganz ähnlich sah es unter den Richtern des Landgerichts aus, von denen etliche während des Krieges an Sondergerichten im Osten eingesetzt waren. Gemeinsame soziale Herkunft, beruflicher Korpsgeist und ehemalige NSDAP-Mitgliedschaft verband diese Männer zu einer verschworenen Gemeinschaft.

Angesichts solcher Zustände war es kein Zufall, dass NS-Kriegsverbrecher und SS-Angehörige wie der wegen Mordes an 39 000 polnischen Juden angeklagte FDP-Ratsherr Martin Fellenz aus dem benachbarten Schleswig in der Fördestadt überaus verständnisvolle Richter fanden. Oder dass, wie im Falle des Leiters des Judenreferats beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Belgien, Kurt Asche, Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen eingestellt beziehungsweise die Eröffnung von Hauptverhandlungen abgelehnt wurden.

An Flensburgs Pädagogischer Hochschule fanden derweil ehemalige NS-Ideologen wie der Pädagogikprofessor Theodor Wilhelm und der Geschichtsprofessor Hans Joachim Beyer ein neues Auskommen. Beyer hatte zahlreiche Funktionen in der NS-Wissenschaft innegehabt. So war er Leiter der "Arbeitsstelle für auslandsdeutsche Volksforschung" und Mitarbeiter in der Berliner SD-Zentrale gewesen, wo er unter anderem eine Liste von polnischen Intellektuellen zusammengestellt hatte, nach der von September 1939 an die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD bei der Ermordung der polnischen Intelligenz vorgingen. In seiner Habilitationsschrift hatte er sich mit Umvolkungsvorgängen, vor allem in Ostmitteleuropa beschäftigt. Nach einem Zwischenspiel als "politischer Berater" einer Einsatzgruppe war er in Prag zum Leiter der Reinhard-Heydrich-Stiftung avanciert, des 1943 eingerichteten Zentrums für eine rassenbiologisch orientierte Selektionswissenschaft.

Gegen Kriegsende floh Beyer nach Schleswig-Holstein, wo man ihn umstandslos entnazifizierte. Im September 1945 wandte er sich erfolgreich an den späteren Bischof der Nordelbischen Kirche mit der Bitte um Hilfe. 1947 machte ihn die Evangelische Landeskirche - seine Vergangenheit kennend - zu ihrem Pressesprecher; als besonderer Förderer erwies sich der Schulreferent der EKD und spätere Kultusminister Edo Osterloh (CDU). 1950 bewarb sich Beyer um eine Geschichtsprofessur an Flensburgs PH, wo man ihn nach einer Unbedenklichkeitserklärung des Kultusministeriums positiv begutachtete.