Wenn die Nacht im Streit mit dem Morgen liegt und der Ruf des Muezzins vom Gebell der streunenden Hunde zerrissen wird. Wenn die Kälte wie eine Bestie ins Zimmer kriecht. Wenn der Albtraum zum Verbündeten des Traums wird. Mit jedem Tag erwacht im Jemen dann ein neues Risiko, ein neuer Konflikt, der Stimmungen und Seelenprozesse auslöst, die man als Reisender aus anderen Ländern kaum kennt. Es ist nicht das Gewusel, das Geschrei, das Gehupe, das Gemecker und das Gedränge in den Gassen Sanaa's, das die westlichen Koordinaten außer Kraft setzt. Gestern hielt mir einer sein geladenes Gewehr in den Rücken. Und nun, im sonnengedörrten Irgendwo aus Lehm, Sand und Geröll, reißt Ali plötzlich wie besessen das Steuerrad zur Seite. Der Landcruiser stoppt, und als der Staub der Bremswolke langsam abzieht, steht Ali in einem Kreis von zehn bis zwölf Stammeskriegern. Die Männer tanzen, schultern schwere Geschosse und recken die blitzenden Klingen ihrer Krummdolche zum Himmel. Bar'a nennt sich dieser Kriegstanz. Ein dicker Jemenit und sein Sohn geben trommelnd den Takt an.

Der Berliner Schriftsteller Michael Roes hat das Phänomen bar'a in seinem Jemen-Roman Rub' Al-Khali. Leeres Viertel anschaulich analysiert. Dieser Tanz, schreibt Roes, spiegele das Selbstverständnis der jemenitischen Stammeskrieger wider. Für die Stämme besitze der Krieg auch eine Art Ästhetik, die Fortsetzung des Tänzerischen in der kriegerischen Begegnung.

Kompromisslos hat Roes den Jemen für seine ethnologischen Studien bereist. Er ist der intellektuelle Berserker, der nichts und niemanden schont, schon gar nicht sich selbst. Das Leere Viertel hat Michael Roes den Bremer Literaturpreis eingebracht. In diesen Wochen reist der Monomane der deutschen Gegenwartsliteratur (ZEIT) erneut durch den Jemen. In den Bergdörfern des Nordens dreht er ein eigenwilliges Macbeth-Projekt. Und wenn Ali nicht bis zum Umfallen bar'a tanzt, könnten wir in einigen Stunden am Drehort in Kawkaban sein. Aber im Jemen ist nichts gewiss, nur der Tod.

Ali ist ein Haudegen. Hennarot gefärbte Haare, graue Bartstoppeln auf sonnengegerbter Haut, Krummdolch, Parka, rote sumata. Was Ali seit heute früh schon an Kat in seine Backe gestopft hat, würde einem Kamel als Grünfutter für eine Woche ausreichen. Diese Droge, die so bitter schmeckt wie zuckerfreier Hustensaft, lässt ihn zum Rambo der Straße werden. Auf der Weiterfahrt Richtung Schibam lehnt er sich aus dem Fenster, um Entgegenkommenden zuzugrölen. Er wechselt die Fahrspuren, die es ohnehin gar nicht gibt, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dieser Mann wolle sich auf dem Asphalt dafür rächen, dass sein Land jahrhundertelang mit Eseln auskommen musste. Nur am Checkpoint am Rande Sanaa's riss Ali sich zusammen.

Zwei düster blickende, schwer bewaffnete Männer kontrollierten unseren Passierschein. Seit der letzten blutigen Entführung im Jahre 1999 kommt kein Tourist ohne Genehmigung aus der Hauptstadt raus. Das Militär bietet Begleitschutz an. Vor allem im Norden und Nordosten des Landes rechnet die Regierung immer wieder mit Kidnappern. Entführungen sind Ehrensache.

Tradierte Werte, fest in der Kultur verankert. Sie haben den Jemen möglicherweise davor bewahrt, vom Massentourismus korrumpiert zu werden.

Auf 18 Millionen Jemeniten kommen 64 Millionen Gewehre