Wer zurzeit mit Tierärzten über weiter reichende Dinge reden will als den Schnupfen der Katze oder die Appetitlosigkeit des Wellensittichs, erlebt eine Rhetorik, die von Interviews mit Politikern nur allzu bekannt ist: das Sprechen mit angezogener Handbremse. "Aufpassen!" signalisiert der Blick des Gegenübers selbstbezüglich bei jeder Frage. Auch wenn sie bloß GOT betrifft, zum Beispiel.

GOT? Die Gebührenordnung für Tierärzte. Kein heißes Eisen, denkt man - und hat falsch gedacht. Was wissen wir schon, wir Hundehalter, Zierfischzüchter, Hobbyreiterinnen, was wissen wir überhaupt über die dunklen Hintergründe dieses hilfreichen Traumberufs? Über seine Risiken, Nebenwirkungen und - Versuchungen?

Gut, seit zwei Wochen wissen wir darüber etwas mehr. Wir wissen, dass es "Autobahntierärzte" gibt, die bei heimlichen Treffs auf Rastplätzen Antibiotika und Hormone zu Billigstpreisen an Schweinemäster verscherbeln, deren Tiere sie - was die Sache illegal macht - nie gesehen haben. Wir wissen, dass ein "Autobahntierarzt" pro Tag bis zu 10 000 Mark umsetzen kann. Dass in Niederbayern der Tierarzt Roland Fechter in Untersuchungshaft sitzt, ein junger Mann, der in seiner Straubinger Praxis zehn angestellte Kollegen beschäftigte und 4000 landwirtschaftliche Betriebe versorgte. Wir wissen, dass einer seiner Großkunden jährlich Medikamente im Wert von einer Million Mark eingekauft haben soll, ein Mäster, der nach der polizeilichen Durchsuchung seines Betriebes sagte: "Wir sind noch nie so gut betreut worden wie von Fechter."

Ist das schon mehr, als wir Zwerghasenfreunde über Tierärzte eigentlich wissen wollten? Vielleicht, aber wir hörten ferner, dass wohl überall in Deutschland Pharmazeutika tonnenweise zur schnelleren Mast in die Schweinetröge gekippt werden. Wir hörten, dass die behördlichen Kontrollen von Tierärzten und Tierhaltern leider "nicht lückenlos" sind. (Vom frisch installierten bayerischen Verbraucherschutzminister Eberhard Sinner hörten wir das, und es hat uns nach alldem nicht sehr überrascht, im Gegensatz zu einem wirklich originellen Einfall des Ministers vom vergangenen Wochenende. Statt 400 000 gesunde, aber wegen der Angst vor BSE unverkäufliche deutsche Rinder zu verbrennen, schlug Sinner vor: "Wenn wir alle ein Kilo Rindfleisch mehr essen würden, müsste es zur Massenvernichtung gar nicht erst kommen." Ein Minister mit feinem Gespür für sein Amt.) Was noch hörten wir über Tierärzte? Dass es beim illegalen Handel mit Tierarzneimitteln "konspirative Strukturen der organisierten Kriminalität" gibt (Bayerns Justizminister Manfred Weiß). Und bei den beschuldigten Tierärzten "eine Mauer des Schweigens" (LKA-Präsident Heinz Haumer).

Heitere Poster im Wartezimmer, Silikonhoden für den Hauskater

Genug davon! Mit solchen Veterinären haben wir Papageienliebhaber schließlich nichts zu tun. Wir treffen unseren ärztlichen Partner nicht heimlich an der Autobahn. Wir bringen unser gepflegtes Katerchen zum Kastrieren - was muss, das muss - in seine Praxis, deren Warteraum uns mit süßen Tierpostern heiter stimmt. Wir blättern in einer Fachzeitschrift. Da schau her: In Amerika füllt der Arzt das pelzige Säckchen des Katers nach erfolgter Entleerung auf Wunsch mit Silikonbällchen wieder auf. Wegen der Optik.

So ändern sich die Zeiten, lacht der Tierarzt unseres Vertrauens, als wir ihn darauf ansprechen. Wir befinden uns in einem großen Dorf mit mehr als 3000 Einwohnern in Oberbayern, Landkreis Traunstein. Ein aufstrebendes "Mittelzentrum" mit regem Wohnungsbau, vielen Zuzüglern aus der Stadt (günstig für den Klein- und Heimtierarzt) und nur noch 4 von einst 17 Bauern (schlecht für den Nutz- und Großtierarzt). Zwei Veterinäre teilen sich relativ einvernehmlich das Revier, der andernorts scharfe Konkurrenzkampf hält sich in Grenzen - solange nicht mehr Kollegen sich im Dorf niederlassen.