Für kleine und große Mogeleien, vom Schummeln beim Spiel bis zum Frisieren eines Kontostands oder Wahlergebnisses, hat das Französische einen unnachahmlich charmanten Ausdruck: corriger la fortune. Seine wörtliche Übersetzung - "das Schicksal korrigieren" - liefert aber noch viel mehr: eine unübertrefflich prägnante Formel für Kultur. Werkzeuge, Waffen, Kleider, Hütten machen, dem Triebleben hemmende Regeln geben - alles, was den Homo sapiens zum Kulturwesen werden ließ, bestand darin, die Naturgegebenheiten nicht mehr einfach hinzunehmen, sondern sie zu den eigenen Gunsten zu wenden. Dass das Schicksal korrigierbar ist, dass man sich gegen Angriffe schützen, Schrecken, Schmerzen und Entbehrung lindern und herunterspielen kann, ist eine beglückende Erfahrung. Unweigerlich reißt sie die Perspektive eines Lebens auf, das alle Schrecken, Schmerzen und Entbehrungen los ist, eines Lebens, worin die condition humaine, das Geschlagensein mit Bedürftigkeit, Verletzbarkeit, Sterblichkeit, überwunden wäre. Wo Kultur beginnt, hat sie auch schon den Drang über sich hinaus. Er ist ihr humaner Stimulus; denn Kultur, die sich selbst genug ist, ist dekorierte Barbarei. Er ist aber auch ihr Dauerversucher. Lautlos raunt er ihr zu: Warum das Schicksal bloß korrigieren, warum es nicht machen?

In dem Maße, wie sie ihm erliegt, ist Kultur verschmolzen mit Kult. Schon dessen Urform, das blutige Opferritual, ist einzig dazu da, sich die übermächtigen, "höheren" Naturgewalten geneigt zu machen, wenn schon nicht das Schicksal selbst in die Hand zu bekommen, dann zumindest seine Fäden. Kein Kult ist ohne Machbarkeitswahn, auch nicht der jüdische, christliche oder islamische. Von einem Gott als Schöpfer und Erlöser sprechen heißt unterstellen, dass die Welt gemacht ist - nicht von uns, aber um unseretwillen, zu unsern Gunsten, und zwar so, dass sie trotz aller menschlicher Verfehlung gut enden wird. Dafür sorgt ihr Macher. "Was Gott tut, das ist wohlgetan." Für dies gute Ende gibt es ein griechisches Adjektiv: eugenés - "wohlgeraten". Warum wohl waren eine Zeit lang Päpste auf den Namen "Eugen" erpicht? Er war ein theologisches Programm. Man kann einen göttlichen Heilswillen gar nicht anders denken als eugenisch. Die Welt soll wieder so wohl geraten, wie sie bei der Erschaffung war.

Erst als Wissenschaft und Technik suggerierten, einen wohlgeratenen Menschenschlag lieber durch eigene irdische Kräfte zu produzieren, statt auf imaginäre himmlische zu warten, bekam "Eugenik" den heute üblichen Wortsinn. Die Losung war nun nicht mehr "Was wir nicht machen können, macht Gott für uns", sondern "Was kein Gott macht, machen wir selbst". Der Machbarkeitswahn geriet vom Kopf auf die Füße. Dabei wurde er bescheidener; nicht mehr das Weltganze sollte "eugen" sein, nur noch eine bestimmte Menschengruppe. Womit er zugleich borniert, rassistisch und damit erst recht gefährlich wurde.

Die religiösen Wucherungen in der modernen Eugenik bloßzulegen ist dringlich, aber nur redlich, wenn auch erwähnt wird, dass keine Religion ohne Eugenik ist. Theologen, die jetzt daherkommen, als hätten sie die Demut gepachtet, und mit sorgenvoller Miene vor dem Machbarkeitswahn der Biowissenschaften warnen, sollten wissen, dass er ihnen lediglich den Spiegel vorhält. Demut wäre erst, das anzuerkennen und die Spannung auszuhalten, dass wir das gute Ende nicht machen können, dass seine Machbarkeit durch einen göttlichen Eugeniker eine unbegründete Behauptung - und dass der Gedanke des guten Endes, einer universalen finalen Wohlgeratenheit, gleichwohl der Fluchtpunkt allen humanen Wünschens ist: der Punkt, auf den alle Kultur, die diesen Namen verdient, hinzeigt, auch wenn sie ihn aus eigener Kraft nicht erreichen kann. Sie muss, wie Mose, den Blick aufs am Horizont aufscheinende Gelobte Land richten, aber wissen, dass sie nur an dessen Rand zu führen vermag und, falls sie sich gewaltsam Eintritt verschaffen will, Blut fließen lassen wird statt Milch und Honig. Wer das Schicksal machen, über den Rand der condition humaine hinauswill, fällt nur um so tiefer zurück.

Der Rand aber ist ein Ärgernis. Die condition humaine liegt nicht starr fest. Sie ist geschichtlich dehnbar, nur lässt sich nicht vorhersagen, wie weit. Sie hat eine definitive Grenze, aber niemand kann genau sagen, wo sie verläuft. Deshalb ist es so schwer, zwischen negativer Eugenik (Eingriff ins Genom zur Bekämpfung ersichtlich bestehender oder drohender Erbkrankheiten) und positiver Eugenik (Eingriff, um wünschenswerte Eigenschaften herzustellen) eine klare Trennlinie zu ziehen. Und dennoch kommt es auf diese Linie an. Es ist die zwischen Demut und Hochmut. Sie lässt sich, wie die zwischen Neigung und Pflicht, Lust und Unlust, nie genau feststellen. Erst wenn sie überschritten ist, wird klar, dass es sie gibt. Etwa wo versucht wird, ein Genom so zu manipulieren, dass es einen besonders sportlichen, schönen, intelligenten, durchsetzungsfähigen Menschen ergibt. Auch wenn niemand ohne Vorstellungen von Wohlgeratenheit aufwachsen kann, so ist jede dieser Vorstellungen doch nur ein partikulares Bild. Und selbst wenn es ein Leitbild ist, dem ich nacheifere, ist das etwas entscheidend anderes, als wenn ich es zur Matrize anderen Lebens mache. Letzteres heißt ein anderes Wesen nach meinem Bilde formen: Gott spielen.

Das muss schief gehen, weswegen sich erst recht menschliche Fortpflanzung durch Klonen verbietet. Frei nach Adorno: Es gibt keine richtige genetische Ausstattung im Neoliberalismus. Schwer zu sagen, was man mehr fürchten soll: Wesen, die wunschgemäß von einer solchen Matrize abgezogen sind - und damit verurteilt, alles zu verkörpern, was an Werbeklischees, Arbeitsmarktanforderungen und sonstigem sozialem Druck in die Matrize eingegangen ist; oder Wesen, bei denen das misslungen ist, die im Sinne der Matrize, und vielleicht nicht nur in ihrem Sinne, Krüppel sind. Man glaube doch nicht, es werde ohne solche Missbildungen abgehen. Niemand wird je ganz in der Hand haben, was bei dem komplexen Zusammenspiel ungezählter Gene und Umweltbedingungen herauskommt

DER UNSCHARFE RAND. Es ist hier eine im genauen philosophischen Sinn "spekulative" Standhaftigkeit erforderlich: das Festhalten an den entscheidenden Grenzbegriffen, auch wenn das, was ihnen entspricht, empirisch nicht vorzeigbar ist. So eisern, wie man auf dem Begriff der condition humaine bestehen muss, auch wenn seine Ränder unscharf sind, so auch auf der Differenz von negativer und positiver Eugenik, auch wenn die Trennlinie verschwimmt. Sich hier nicht beirren lassen. Weder von den Wissenschaftlern, die sagen: Weil ihr die Trennlinie nicht gezogen bekommt, könnt ihr sie vergessen; lasst uns nur forschen. Noch von den Ethikern, die sagen: Weil ihr die Linie nicht ziehen könnt, lasst prinzipiell die Finger vom Genom. Nehmt es hin als höhere Fügung, als so unantastbar wie die Menschenwürde selbst. Freilich, solange die Linie vollkommen verschwommen ist, muss die bittere Abwägung gelten: Lieber dem begrenzten Kreis der Erbkranken die (möglichen, keineswegs garantierten) gentechnischen Heilmittel vorenthalten als Gefahr laufen, eine Büchse der Pandora mit unabsehbaren Folgen für die ganze Menschheit zu öffnen. Aber nicht wegen schicksalhafter Fügung und Menschenwürde, sondern wegen der Gefahr. Sobald sich aber ein wissenschaftlich und rechtlich haltbarer Freiraum öffnen sollte, innerhalb dessen klar definierte gentherapeutische Zwecke verfolgbar werden, haben die Kranken Anspruch auf seine Nutzung.