Das Bemerkenswerteste an der Debatte um 68 ist, dass 68 vollkommen vergessen wurde. Vor allem von denen, die dieses Datum berühmt gemacht haben, also von einer heute in Universitäten, Zeitungen und Politik einflussreichen Berufselite. Denn wie anders ist zu erklären, dass abgesehen von ein, zwei betroffenen Politikern kein Einziger der damals 18- bis 30-Jährigen aufgetreten ist, um dem hanebüchen naiven Herumfuchteln mit der Gewaltmetapher, der Vereinfachung der facettenreichsten Nachkriegsepoche auf einen einzigen Anklagepunkt entgegenzutreten? Erstaunlicher noch: Eine Reihe der damals revolutionär Engagierten trat zwar hervor, aber machte ihren Kotau vor der heute vorherrschenden Bankangestelltenmentalität bis zur Konsequenz, dass der Hauptbeschuldigte, der vom sozial isolierten Straßenanführer zum allseits beliebten Außenminister Emporgestiegene, sein Gesicht ebenso in die Falten bedenkenträgerischer Affirmation an die Kriminalisierung des yesterday legte.

Wäre das nur die zum politischen Überleben dringlich empfohlene Geste vollzogener Läuterung, dann wäre dem keine weitere Frage anzuhängen. Aber im allgemeinen Singsang, wie schrecklich undemokratisch, aggressiv und politisch zerstörerisch die 68er gewesen seien (die Unterscheidung zwischen sechziger und siebziger Jahren führt nicht weit), war des Außenministers Sündenbekenntnis eine Art Selbstverbrennung seiner Identität. Dasselbe gilt natürlich für die schweigende Mehrheit der übrigen heute in Amt und Würden Lebenden, ganz abgesehen von der denunziatorischen Minderheit: Wenn sie heute so reagieren, entspringt das ebenfalls nicht nur der gebotenen politischen Klugheit oder einer wirklichen Gesinnungsänderung, sondern einer offensichtlich gewordenen Amnesie - Verdrängung wäre das unangemessene Wort -, in deren Verlauf sich der strukturell wichtige Prozess vollzieht: nämlich die Verwandlung der bellikosen Qualitäte n von 68 in die pazifistischen der Epoche danach.

Dieser Umschlag von der Aggressivität zum Friedenssinn erklärt das Verhalten der alten 68er und enthält die eigentlich zerstörerische Qualität. Es kommt nur darauf an, zu verstehen, was hier Aggressivität und Friedenssinn genau bedeuten. Immerhin hat sich Fischer zunächst mit einem Wort zur schüchternen Gegenwehr entschlossen: Es sei eine revolutionäre Epoche gewesen.

I. Die Gewaltmetapher

Bevor die wundersame Wandlung der 68er zu Bankangestellten näher betrachtet sei, ist das Wort von der Revolution zu verstehen. Bekanntlich - darin sind sich alle namhaften, nicht zuletzt linken Interpreten einig - gab es damals in Westdeutschland keine objektiv revolutionäre Situation, sodass das verbale und tatkräftige umstürzlerische Gehabe einer intellektuellen und weniger intellektuellen Minderheit - und die reichte von Baader-Meinhof bis zum Suhrkamp Verlag (Hans Magnus Enzensberger feinsinnig im Anschluss an Heinrich Heine: "Schafft französische Zustände!") - etwas vom dezisionistischen Revolutionarism us hatte. Deshalb warnte Jürgen Habermas schon 1967, also lange vor Ausbruch manifester Gewalttätigkeiten, vor einem "linken Faschismus", um diese Etikettierung, so ist zu vermuten, bald zu bereuen, weil ihr Sinn ihm von rechts im Munde umgedreht worden ist. Aber sein altfränkisches Unverständnis für Walter Benjamin und dessen surreale Fantasmen erklärt hinreichend, warum Habermas mit der eigentlich auratischen Substanz von 68 nie etwas am Hut gehabt hat, sosehr auch seine eigenen frühen Schriften die kritischen Geister inspiriert hatten.

"Gewalt" war also bei der rationalen Linken nicht per se tabuisiert, sondern an die genannte Bedingung der objektiven Situation geknüpft (weshalb der heutige Hinweis Daniel Cohn-Bendits, damals habe die französische Armee schon den Marschbefehl gegen die revoltierende Sorbonne gehabt, eine nachträgliche Rechtfertigung bedeutet). Bedingungslose Ablehnung von Gewalt würde ja auch heißen, alle großen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts abzulehnen, was darauf hinausliefe, sich der deutschen reaktionären Tradition zu unterwerfen, in der revolutionäre Gewalt immer hinter der staatlichen Gewalt zurückstand.

Inzwischen ist auch die revolutionäre Gewalt nicht bloß von der konservativen Kritik entlegitimiert worden - bis hin zu der abenteuerlichen Gleichsetzung der jakobinischen Guillotine mit den Vernichtungsöfen der Nazis.