Die Rolle von "Achtundsechzig" und seinen Folgen für die Geschichte der Bundesrepublik ist dank der Verwicklung von zwei amtierenden Bundesministern in die Kämpfe jener Zeit zum Thema einer weitschweifigen historischen und politischen Debatte geworden. Das ist nur zu begrüßen. Sie verdankt ihren "Kick" natürlich in erster Linie dem Umstand, dass es um das politische Überleben von zwei für den Zusammenhalt der Koalitionsregierung schwer entbehrlichen Politikern geht. Dieses eminent politische Interesse ist einer der Wahrheit dienlichen Aufklärung zwar wenig förderlich. Dennoch oder gerade deswegen ist die Politik diesmal zum Anstoß einer für die Klärung und Aufklärung des 68er-Phänomens höchst hilfreichen Debatte geworden, die für das historische und politische Bewusstsein der Bundesrepublik nicht ohne Belang sein wird.

Das 68er-Thema, seinerzeit heftig umstritten, hatte bis zur jüngsten Veröffentlichung der Fotos mit dem im Einsatz befindlichen Straßenkämpfer Joschka Fischer scheinbar wohlversorgt in den Geschichtsbüchern und den Erinnerungen der Beteiligten geruht, die ihm in aller Regel, trotz der Abirrung eines kleinen Teils der Protestler in den mörderischen Terrorismus, eine im Ganzen heilsame Funktion für die nachfolgende Geschichte der Bundesrepublik zuschrieben. Erst dank der 68er-Bewegung sei die BRD zu einer brauchbaren Demokratie, zu einer wirklich modernen Gesellschaft geworden, in der sich gut und frei leben lässt. Vorher, zumal in der Ära Adenauer, sei die deutsche Gesellschaft noch "stark vom Nationalsozialismus und seinen Auswirkungen geprägt" gewesen (Ulrich Herbert).

Tatsächlich war die frühe Geschichte der Bundesrepublik ein schwieriger, seines Erfolgs nicht gewisser Neuanfang, bei dem es darum ging, ein dem Nationalsozialismus weithin ergebenes Volk aus der totalen Niederlage in eine demokratische Zukunft zu führen. Heute bestreitet niemand mehr, dass dies einigermaßen gelungen ist. Zu klären ist jedoch, ob die 68er-Revolte, die sich so vehement gegen die bestehende Ordnung der damaligen Bundesrepublik richtete und eine ganz andere Demokratie schaffen wollte, Wesentliches zur Überwindung beziehungsweise Aufarbeitung der unseligen deutschen Vergangenheit beigetragen und uns eine bessere Republik beschert hat. Daran sind Zweifel erlaubt.

Der Bochumer Historiker Norbert Frei macht sich mit seinem Beitrag (ZEIT Nr.

6/01) zum Anwalt der These, man müsse "Achtundsechzig" als eine "Nachgeschichte des Nationalsozialismus" verstehen. Frei findet, die gegenwärtige Debatte übersehe, dass das Problem der "unbewältigten Vergangenheit" bei der Entstehung der studentischen Protestbewegung ein wichtiges Motiv gewesen sei.

Mir ist aus meiner eigenen Erfahrung an der FU Berlin nicht bekannt, dass die 68er, von Einzelfällen abgesehen, sich ernsthaft mit der Vergangenheit und ihrer Geschichte beschäftigt und auseinander gesetzt hätten. Norbert Frei versucht mit seinem Artikel die für die historische Rolle der 68er höchst schmeichelhafte Auffassung zu untermauern, die 68er hätten nicht nur für die Festigung der deutschen Demokratie und die Anerkennung der westlichen Zivilisation Wesentliches geleistet, sondern auch bei der Bewältigung der deutschen Vergangenheit einen Durchbruch zur Aufklärung ertrotzt. Dies trifft nicht den Kern der Bewegung. Die 68er waren zwar schnell fertig mit dem Wort, wenn sie die Generation der Herrschenden als Nazigeneration diffamierten, aber an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vergangenheit waren sie nicht interessiert und haben dafür auch nichts geleistet.

Ideologisch nährten sie sich aus den anarchistischen und kommunistischen Kritiken an der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaft, die zwangsläufig in den Faschismus führe, oder aus den nicht sehr konkreten Utopien einer radikalen Veränderung der Politik. Es ist bezeichnend, dass in dem Interview, das der Studentenführer Rudi Dutschke 1968 mit Günter Gaus im Deutschen Fernsehen führte, von der deutschen Vergangenheit überhaupt nicht die Rede war. Die Gegenwart war verkehrt, die Vergangenheit interessierte nicht.