Exakt zur gleichen Zeit erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt die Übersetzungen zweier amerikanischer Veröffentlichungen, die auf den ersten Blick dem gleichen Thema, dem Umgang mit dem Holocaust in den Vereinigten Staaten, gewidmet zu sein scheinen, aber unterschiedlicher kaum sein könnten.

Es handelt sich um Norman G. Finkelsteins Essay Die Holocaust-Industrie und um Peter Novicks Buch Nach dem Holocaust.

Während Novick trotz unmissverständlich formulierter eigener Positionen weitgehend unpolemisch argumentiert, sozialkulturelle und politische Prozesse nüchtern analysiert und deren Ergebnisse sorgfältig abwägend wertet, geht es Finkelstein nahezu ausschließlich um die "Entlarvung" der großen jüdischen Organisationen und ihrer Sprecher in den USA, die er als Erfinder und Nutznießer der so genannten "Holocaust-Industrie" betrachtet. Wo Novick bemüht ist, den öffentlichen Umgang mit der Erinnerung an den Mord an den europäischen Juden im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen umsichtig zu rekonstruieren, lehnt Finkelstein in einem durchgehend anklägerischen Ton jede Differenzierung ab.

Beide Veröffentlichungen sind aus einem amerikanisch-jüdischen Diskussionszusammenhang entstanden und für ein amerikanisches Publikum geschrieben worden. Novicks Buch ist 1999 in den USA erschienen, und Finkelstein hat diese Veröffentlichung als Anstoß für seinen Essay genommen.

In Deutschland ist Novicks Buch außerhalb der Fachwissenschaft zunächst kaum beachtet worden, während Finkelsteins Buch unmittelbar nach dem Erscheinen der amerikanischen Ausgabe im Juli 2000 zu einem - freilich kurzfristigen - Medienereignis wurde.

Bereits Ende Juli erschienen die ersten Rezensionen in der überregionalen Presse, Mitte August berichtete die ARD sogar in den Tagesthemen. Die Süddeutsche Zeitung gab Finkelstein die Gelegenheit, seine Thesen zusammenfassend vorzustellen, lud aber auch in- und ausländische Fachwissenschaftler zur Kritik ein. Es überrascht nicht, dass die National-Zeitung und auch die Junge Freiheit zu den Ersten gehörten, die offen ihre Sympathie mit Finkelsteins Thesen formulierten, wobei die National-Zeitung es sich nicht nehmen ließ, wochenlang Auszüge aus dem Werk zu veröffentlichen. So plötzlich, wie die Diskussion begann, endete sie auch: Schon Anfang September ebbte die Flut der Artikel deutlich ab, und wenige Wochen später war das Interesse der Öffentlichkeit offensichtlich erlahmt.

Man wird, sieht man einmal vom rechten Rand des Meinungsspektrums ab, kaum sagen können, dass das Buch des New Yorker Politikwissenschaftlers in Deutschland zustimmend oder gar enthusiastisch aufgenommen worden ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die Reaktionen sind in ihrer Mehrheit eindeutig ablehnend, und zwar hinsichtlich der Form und des Inhalts gleichermaßen.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich nicht selten die Bemerkung findet, dass sich auch in den manchmal grotesken Übertreibungen des Autors ein Körnchen Wahrheit finden lasse. Die Feststellung, dass es in den Vereinigten Staaten so etwas gebe, was man vielleicht als "Holocaust-Industrie" bezeichnen könne, wird von einem Teil der Kritiker nicht grundsätzlich bestritten, von anderen sogar bejaht. Zugleich wird jedoch betont, dass solche Themen sehr viel ernsthafter und vor allem unpolemischer diskutiert werden müssten, als das bei Finkelstein geschieht.

Die Diskussion im vergangenen Sommer und Frühherbst ist jetzt sehr gut zusammengefasst in einem von Ernst Piper herausgegebenen Sammelband mit dem Titel Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie? Er enthält 23 Texte (Rezensionen, Interviews und andere Stellungnahmen), darunter sechs Originalbeiträge unter anderem von Schlomo Aronson, Michael Brenner und Iring Fetscher. Vorangestellt ist ein informativer Überblick über die Debatte von Arne Behrensen, dessen These, "daß der Subtext in Artikeln der nicht-rechtsradikalen Presse dem offen hinausposaunten Ressentiment der National-Zeitung oft ähnelt", mir allerdings überzogen scheint.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der Schlussbeitrag von Michael Brenner (Warum man mit Finkelstein nicht diskutieren muß). Für ihn gilt: "The Holocaust Industry ist eine grandiose pathologische Studie - über ihren Autor." Das Buch lohne keine ernsthafte Auseinandersetzung, und "etablierte Wissenschaftler und angesehene Journalisten" sollten sich keinen Dialog über absurde Thesen aufzwingen lassen, sondern der Devise folgen: "Finkelstein kommt, und keiner geht hin."

Die deutsche Ausgabe des Finkelstein-Buches folgt uneingeschränkt dem englischsprachigen Original. Der Verlag hat auch auf manchmal naheliegende Abmilderungen sehr zugespitzter Formulierungen des Autors verzichtet. Neu sind ein Aktueller Nachtrag zur deutschen Ausgabe (S. 155-170) und Statt eines Nachworts: Norman Finkelstein im Gespräch mit Thomas Spang (S.

171-181). Der Aktuelle Nachtrag wird vom Autor leider nicht genutzt, um sich mit der Kritik auseinander zu setzen. Es geht vielmehr ausschließlich um den so genannten Gribetz-Plan vom September 2000 für die Auszahlung und Verteilung der aus dem Vergleich mit den Schweizer Banken resultierenden Gelder. Finkelstein wiederholt seinen Vorwurf der Selbstbedienung jüdischer Organisationen und versucht dessen Berechtigung anhand dieses Dokuments erneut zu belegen. Wenig befriedigend ist auch das anstelle eines Nachworts angebotene "Gespräch", da Thomas Spang sich als bloßer Stichwortgeber für die Wiederholung der inzwischen hinreichend bekannten Auffassungen des Autors betätigt und auf jede kritische Rückfrage konsequent verzichtet.

"Überlebender" war nach 1945 zunächst kein Ehrentitel Da die deutsche Ausgabe in der Sache nichts Neues bietet, genügt es, an Finkelsteins Kernthesen zu erinnern. Es bleibt dabei, dass der Autor die großen jüdischen Organisationen in den USA - das American Jewish Committee, den Jewish World Congress, die Anti-Defamation League, die Jewish Claims Conference, die World Jewish Restitution Organization, aber auch das Simon Wiesenthal Center - frontal angreift, indem er ihnen vorwirft, dass sie die Erinnerung an den Holocaust manipulieren, die wenigen Holocaust-Überlebenden für ihre eigenen Zwecke ausnutzen und ungeniert ihre Macht- und Profitinteressen in den Vordergrund stellen. Zugleich führt er in immer neuen Wendungen aus, dass die Erinnerung an den Holocaust ganz bewusst eingesetzt werde, um jede ernsthafte Kritik an Israel und seiner Politik gegenüber den Palästinensern zu tabuisieren. Diese Hauptthesen, die in ihrem Kern nicht zu Unrecht als "verschwörungstheoretisch" bezeichnet worden sind, werden in ständigen Wiederholungen und nicht nur polemischen, sondern auch denunziatorischen Formulierungen vorgetragen. Wirklich anregend oder in der Sache ergiebig sind diese Ausführungen nicht, ganz davon abgesehen, dass sie auch nicht auf breit angelegten eigenen Forschungen beruhen.

Dazu ist alles Nötige längst gesagt, und eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einer Thematik, die, wenn überhaupt, in den Vereinigten Staaten diskutiert werden muss, stünde uns in Deutschland wohl an. Das bedeutet kein Ausweichen vor unangenehmen Fragen, sondern eine Anerkennung der Tatsache, dass es sich um eine Diskussion handelt, die keineswegs in erster Linie in Deutschland zu führen ist. Bisher hat auch noch niemand im Ernst behauptet, dass wir es in Deutschland mit einer "Holocaust-Industrie" zu tun haben.

Ein Buch, mit dem die Auseinandersetzung in jeder Hinsicht lohnt, ist dagegen Nach dem Holocaust von Peter Novick. Der Autor ist ein vielseitig erfahrener Historiker der University of Chicago, der unter anderem über die "Säuberungen" im befreiten Frankreich seit 1944, aber auch über die "Objektivitätsfrage" und die amerikanische Geschichtswissenschaft publiziert hat. Sein neues Werk ist in den USA unter dem Titel The Holocaust in American Life erschienen. Die Deutsche Verlags-Anstalt hat sich dagegen leider für einen sehr viel weniger präzisen Titel entschieden, und der Begriff "Massenmord" muss im Hinblick auf den Inhalt des Buches sogar als ein Fehlgriff bezeichnet werden.

Novicks Buch ist einerseits eine wissenschaftliche Untersuchung über die Entwicklung des "Holocaust-Bewusstseins" in den USA und andererseits, wie der Autor ausdrücklich betont, ein "Beitrag zur aktuellen öffentlichen Debatte über die Rolle des Holocaust im Leben der amerikanischen Judenschaft und im amerikanischen Leben allgemein". So ist seine Studie durch die doppelte Frage bestimmt: "Wie sind wir dorthin gekommen, wo wir hinsichtlich der Erinnerung an den Holocaust sind, und wollen wir dort sein, wo wir sind?" Wir, das sind für den Verfasser einerseits die amerikanischen Juden, andererseits alle Angehörigen der amerikanischen Gesellschaft. Er argumentiert gleichermaßen als Jude und als amerikanischer Bürger. Die historische Untersuchung, in die der Verfasser seine langjährigen Erfahrungen als Historiker einbringt, basiert auf einer ungewöhnlich breiten Quellenkenntnis, insbesondere auch der Akten der großen jüdischen Organisationen. In den Diskussionen über die Identität der amerikanischen Judenschaft und das Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft beeindruckt Novick durch systematische Fragestellungen, präzise Begrifflichkeit und ein unbestechliches Urteil.

Seine Thesen sind nicht unkontrovers, aber immer klar formuliert und nachvollziehbar begründet. Es ist für Novick eine Selbstverständlichkeit, dass kollektive Erinnerung aus der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht und dass sie notwendigerweise mit gegenwärtigen Interessen verknüpft ist. Dass große Interessenverbände oder andere gesellschaftliche Organisationen eine aktive Erinnerungspolitik treiben, kann für ihn deshalb kein Vorwurf gegen sie sein. Auch die Vorstellung von einer "Instrumentalisierung" der Erinnerung für gegenwärtige Zwecke ist nicht von vornherein negativ besetzt. Wer gegen die "Instrumentalisierung" polemisiere, lehne vielmehr in aller Regel die Zwecke ab, für die die Erinnerung mobilisiert wird.

Zu den Ergebnissen der historischen Untersuchung gehört die Feststellung, dass das "Holocaust-Bewusstsein" in den USA sich nicht kontinuierlich, sondern in großen Schüben entwickelte. In den ersten 20 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fehlte nicht nur der Begriff des Holocaust, so wie er seit den späten sechziger Jahren sich entwickelte, sondern auch weitgehend jede öffentliche Diskussion über die Ermordung der europäischen Juden und deren Bedeutung für die Gegenwart. Die führenden Repräsentanten des amerikanischen Judentums förderten eher das Schweigen als das Sprechen derjenigen, die als Überlebende des Holocaust in den USA lebten. In den so genannten "goldenen Jahren" der amerikanischen Juden setzte man auf das Gemeinsame aller US-Bürger, wobei eine deutliche Akzentuierung der traumatischen Erfahrungen in der NS-Zeit nur störend wirken konnte.

"Überlebender" war in den jüdischen Gemeinden kein Ehrentitel wie in späteren Jahrzehnten, und an den Erfahrungen dieser Menschen war lange Zeit kaum jemand interessiert ("Erst 30 bis 40 Jahre später stieg mit der wachsenden Nachfrage auch das Angebot", wie der Verfasser lapidar feststellt). In der amerikanischen Öffentlichkeit spielten die Juden als Holocaust-Opfer dementsprechend keine besondere Rolle, sie galten als eine Opfergruppe unter vielen.

Mit dem Eichmann-Prozess, der Kontroverse um Hannah Arendt oder auch der Broadway-Aufführung von Hochhuths Stellvertreter setzte in den sechziger Jahren eine öffentliche Diskussion über den Holocaust ein. Jetzt begann sich auch der Holocaust-Begriff, der in Israel schon länger als englische Übersetzung für das hebräische "Schoah" gebräuchlich war, in seinem heutigen Verständnis durchzusetzen. Während Israel bis Mitte der sechziger Jahre im amerikanisch-jüdischen Bewusstsein "keine große Rolle" spielte, änderte sich das mit dem Sechstagekrieg vom Juni 1967 und noch einmal mit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973. Angesichts der Bedrohung Israels war der Holocaust nicht mehr nur Geschichte, er wurde in der Wahrnehmung amerikanischer Juden vielmehr "zu einem drohenden und furchterregenden Zukunftsaspekt".

Vor allem seit 1973 gab es ein "erneuertes Bewußtsein der jüdischen Verwundbarkeit", da Israel nicht mehr als unbesiegbar erschien. Große jüdische Organisationen wie die Anti-Defamation League erklärten nun, dass die verblassende Erinnerung an den Holocaust eine entscheidende Ursache für die Isolierung und Gefährdung Israels sei, und sie zogen daraus den Schluss, dass die Entwicklung von "Holocaust-Programmen" nötig sei.

Eine der Folgen des "goldenen Zeitalters" der amerikanischen Juden unter den Bedingungen des sozialkulturellen "Schmelztiegels" bestand in der raschen Abnahme jüdischer Bindungen und einer damit verbundenen dramatischen Schwächung jüdischer Identität, sodass eine neue Frage des "Überlebens" der amerikanischen Judenheit formuliert wurde - man sprach sogar von einem "stillen Holocaust" oder einem "geistigen Holocaust", der das Ende jüdischer Existenz in den USA bedeuten würde. Da gleichzeitig in der amerikanischen Gesellschaft das Leitkonzept des "Schmelztiegels" von einem neuen Ethnizitätskonzept abgelöst wurde, das die Besonderheiten der einzelnen Bevölkerungsgruppen positiv bewertete und der Identität des US-Bürgers die Gruppenidentitäten an die Seite stellte, vollzog sich die Ausbildung einer neuen jüdischen Identitätspolitik in einem günstigen gesellschaftlichen Klima. Unter den neuen Bedingungen war nun auch der "Opferstatus", der in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg entschieden abgelehnt worden war, für die amerikanischen Juden akzeptabel. Vergangene Leiden galten nun - wie auch bei anderen Bevölkerungsgruppen - als Legitimation für aktuelle Ansprüche, sodass gelegentlich auch von einer "Opferkonkurrenz" gesprochen worden ist.

Angesichts der starken religiösen und kulturellen Zersplitterung der jüdischen Bevölkerung in den USA wurde nun die Erinnerung an den Holocaust als die größte Gemeinsamkeit aller amerikanischen Juden definiert, die als Ausgangspunkt für die Ausbildung eines neuen jüdischen Bewusstseins dienen sollte.

Spätestens seit dem Ende der siebziger Jahre gilt die Erinnerung an den Holocaust als eine Notwendigkeit nicht nur für die Juden, sondern für die amerikanische Gesellschaft insgesamt. Von größter Bedeutung für "das Eindringen des Holocaust in das allgemeine amerikanische Bewußtsein" war die 1978 ausgestrahlte Fernsehserie Holocaust, die in den USA etwa 100 Millionen Zuschauer fand. Seitdem hat beispielsweise jeder US-Präsident die Amerikaner aufgefordert, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren, gibt es einen gesetzlich eingeführten Holocaust-Unterricht in den High Schools und Colleges zahlreicher US-Staaten, wächst die Zahl der Holocaust-Museen und ähnlicher Einrichtungen, auch die Zahl der Holocaust-Professuren und -Lehrprogramme an den Universitäten ständig. 1978 gab Präsident Carter zum 30. Jahrestag der Gründung des Staates Israel die Berufung der Gründungskommission für ein nationales Holocaust-Museum bekannt, das nach ebenso langen wie intensiven Vorbereitungen 1993 in Washington eröffnet wurde.

Novick ist kritisch gegenüber allen Sakralisierungstendenzen des "Holocaust-Bewußtseins". Er diskutiert Eli Wiesels Positionen mit Respekt, zieht aber zugleich einen klaren Trennungsstrich. Für ihn ist der Holocaust nicht ein "Mysterium, das niemals verstanden, das niemals dargestellt werden kann" (Wiesel). Als Historiker besteht er auf der Notwendigkeit der quellenkritischen Analyse und des Vergleichs auch bei der Darstellung des Holocaust. Die jüdische Identität sollte nach seiner Auffassung nicht auf die Dauer auf die Holocaust-Erinnerung gegründet sein. Sie bedarf nach seiner festen Überzeugung anderer, positiver Inhalte. Novick lehnt auch die Diskussionen um die "Einzigartigkeit" des Holocaust entschieden ab: "Die Behauptung, der Holocaust sei einzigartig - wie die, er sei unfaßbar oder nicht darstellbar -, ist tatsächlich zutiefst beleidigend. Was könnte sie anders bedeuten als: ,Eure Katastrophe ist im Gegensatz zu unserer gewöhnlich, faßbar und darstellbar."'

Will man die Schattenseiten der eigenen Geschichte verdrängen?

Skeptisch ist er hinsichtlich der "Lehren des Holocaust", weil der Holocaust dabei in der Regel nur benutzt werde, um einer bereits bestehenden Meinung zusätzliches Gewicht zu verleihen. Die großen internationalen Katastrophen von Biafra und Kambodscha, Somalia und Ruanda demonstrieren nach Novicks Überzeugung in erschreckender Weise, dass ernsthafte Lehren aus der Erfahrung des Holocaust nicht gezogen worden sind. Schließlich zögert er nicht, seiner Befürchtung Ausdruck zu geben, dass die Aneignung der Holocaust-Erinnerung durch die US-Gesellschaft dazu beitragen könne, die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der eigenen Geschichte weiter zu verdrängen. Wer in Washington ein nationales Holocaust-Museum gründet, sollte, um glaubwürdig zu bleiben, zumindest auch ein Museum für die "peculiar institution", die Sklaverei in den USA, errichten.

Es liegt auf der Hand, dass solche Positionen nicht unumstritten bleiben, und tatsächlich hat Novicks Buch, anders als die Polemik Finkelsteins, in den Vereinigten Staaten eine lebhafte Diskussion ausgelöst, die ungeachtet aller Polemik zur Klärung der Standpunkte beitragen wird. Wie immer die Kritik im Einzelnen ausfallen mag - das Buch bleibt ein Standardwerk, an dem für lange Zeit die Bemühungen anderer Autoren gemessen werden. Für die deutschen Leser bietet es eine Fülle neuer Einsichten und Informationen, die ein Weiterdenken in viele Richtungen ermöglichen, zugleich aber den Wunsch wecken, in nicht zu ferner Zukunft auch für die deutsche Geschichte seit 1945 eine aus den Quellen gearbeitete zusammenfassende Darstellung des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Holocaust zu haben.

Peter Novick: Nach dem Holocaust Der Umgang mit dem Massenmord aus dem Amerikanischen von Irmela Arnsperger und Boike Rehbein Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 2001 432 S., 44,- DM Norman G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter Piper Verlag, München 2001 234 S., 38,- DM Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie?

Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein hrsg. von Ernst Piper, unter Mitarbeit von Usha Swamy Pendo Verlag, Zürich 211 S., 29,80 DM (erscheint am 28. Februar 2001)