Rom

Weißt du eigentlich, dass Rutelli nie gearbeitet hat?" - "Was meinst du mit ,nie gearbeitet'?" - "Was ich sage: Er hat nie gearbeitet!" Die beiden jungen Männer, die sich auf diese Weise unterhalten, stehen auf der Via dei Fori Imperiali, der Prachtstraße Roms: Am oberen Ende liegt das Kolosseum, am unteren die Piazza Venezia mit dem "Altar des Vaterlandes", hier impfte Mussolini den Massen den Traum vom erneuerten Imperium ein.

Es ist Sonntag, die Fori Imperiali sind für den Verkehr gesperrt, und Hunderte Menschen flanieren vorbei an den Foren, bestaunen Triumphbögen, Säulen, Mauerreste - die ganze Theatralik altrömischer Trümmerlandschaft. Francesco Rutelli will sich hier verabschieden von seinen Römern, an seinem letzten Tag als Bürgermeister. Er kandidiert für die Wahl des Ministerpräsidenten, im Frühjahr. Sein Gegner ist der gefürchtete Silvio Berlusconi, der selbst in diese steinerne Verkörperung von Macht, Größe und Wahn der römischen Imperatoren passen könnte. Er steht nämlich im Verdacht, ernsthaft zu glauben, er sei eine Reinkarnation Cäsars oder mindestens einer der erfolgreicheren Kaiser.

"Auch wenn es stimmen sollte, dass er nie gearbeitet hat, was heißt das schon!"

"Aber hör mal, der will das Land führen und hat nie gearbeitet!" - "Ach, ich verstehe jetzt: Du stehst so weit links außen, dass du schon wieder für die Rechte bist!"

Die Passanten laufen plötzlich zusammen, in der Mitte der Fori Imperiali bildet sich eine Menschentraube. Die beiden Männer recken die Hälse. Da ist er: Francesco Rutelli. Man sieht sofort, warum er dem jungen Mann von ganz links außen nicht gefällt.

Rutelli ist ein schöner Mann, sein charmantes Lächeln verteilt er wie Rosen unter die Leute, und er steht so sicher in seinem feinen Tuch, als wären die Fori Imperiali eigens für ihn als gewaltiger Laufsteg angelegt worden. Rutelli riecht nicht nach Arbeiterschweiß, sondern nach römischen Patriziertum, nach Weihrauch und Whisky zugleich. Er hat alles, was man braucht, um eine Chance gegen Silvio Berlusconi zu haben. Rutelli passt in jedes italienische Wohnzimmer, er ist der ideale Schwiegersohn, und selbst wenn er via Fernsehen wahlkämpfend ins Private einbricht, wirkt er nicht aufdringlich. Aber damit sind wir gewissermaßen schon am Ende der Geschichte, bei dem Hauptgrund für die Entscheidung der buntscheckigen, regierenden Mitte-links-Koalition, den 47-Jährigen auf den Kandidatenschild zu heben.