Wollte man die Kunst Michael Krebbers mit einem Adjektiv beschreiben, dann wäre "verhalten" wohl die angemessene Vokabel. Es gibt etwas prinzipiell Zurückweichendes in den Bildern dieses 46jährigen Kölner Malers, der nun schon seit Jahren mit zögernden Gesten und abrupt abbrechenden Pinselstrichen arbeitet.

In der Retrospektive seiner Arbeiten, die der Kunstverein Braunschweig und die Städtische Galerie Wolfsburg gemeinsam veranstalten, zeigt sich Krebber jedoch noch von einer anderen Seite. Allein die Präsentierung seiner Arbeiten wirkt zupackend und forsch, was in einer eigentümlichen Beziehung zu den krebbertypischen "hadernden" Pinselstrichen steht. Diese Gegenläufigkeit setzt sich auf anderen Ebenen fort. So gehört Krebber zwar zu jenem Typus Künstler, der im Zweifelsfall eher dafür plädiert, etwas nicht zu tun.

Dennoch ging es bei ihm niemals darum, sich dem Kunstbetrieb zu verweigern.

Er kultivierte vielmehr eine Art skrupulöse Haltung, die sich weniger gegen die Notwendigkeit von Ausstellungen, Galerien und Kunstmärkten richtet als gegen ein blindes Produzieren. Seine scharfen, oft unerbittlichen Kunst-Urteile brachten ihm denn auch in den achtziger Jahren großen Respekt von Künstlerkollegen wie Martin Kippenberger oder Albert Oehlen ein. Doch der sperrige Charakter seines schmalen Werkes stand einer institutionellen Anerkennung sicherlich auch im Wege. Krebber ist aber auch ein Beispiel für jene "Künstler-Künstler", die speziell von Künstler/innen geschätzt werden.

Der Rest der Welt braucht gewöhnlich mehr Zeit, um auf ein Werk zuzugehen, das nie auf Vermittlung aus war. Tatsächlich fällt es einigermaßen schwer, eine angemessene Sprache für diese auf den ersten Blick spröden Bilder zu finden. Die Befangenheit des Malers überträgt sich auf den Betrachter.

Michael Krebber war nie ein ausschließlich malender Maler, er hat einen Hintergrund als Konzeptkünstler. Es war in den späten achtziger Jahren, als er sich von der damals verbreiteten Vorstellung verabschiedete, dass der Künstler Produkte vorzuweisen hätte. In einer heute legendären Ausstellung in der Galerie Isabella Kacprzak (1989) fanden sich neben einer leeren Vitrine nur Photos einer fiktiven Ausstellung. Rückblickend betrachtet, lässt sich die damit eingeleitete konzeptuelle Phase aber auch als Fortsetzung einer äußerst skeptischen malerischen Haltung betrachten. Schließlich hatte sich Krebber bereits als Student von Markus Lüpertz und später als Assistent von Georg Baselitz den Ruf eingehandelt, weniger ein junger Maler-Fürst als ein notorischer Bildervernichter zu sein. Krebber stellt jede Menge Anschauungsmaterial für die eigene Festgefahrenheit zur Verfügung, angefangen bei den Übermalungen, hinter denen zahlreiche ausgelöschte Schichten hervorschimmern, bis hin zu den immer wieder aufs Neue ansetzenden, hauchdünnen Strichen, die vorzeitig abbrechen.

Ein fehlender Buchstabe gibt Aufschluss

Diese offen zur Schau getragene Stagnation hat jedoch nichts mit dem derzeit wieder recht beliebten Topos des Scheiterns zu tun - ein pathetisches Scheitern, das für Künstler wie Jonathan Meese gerne in Anschlag gebracht wird. Mit dem eigenen Scheitern zu kokettieren ist mittlerweile eine entleerte Konvention. Bei Krebber hingegen vollzieht sich die Einsicht, dass das Arbeiten mit der Malerei eben auch bedeutet, immer wieder auf den gleichen Punkt zurückgeworfen zu werden. Der englische Künstler Merlin Carpenter hat in einer psychologischen Studie im Katalog zu Recht darauf hingewiesen, dass Krebber auf diese Weise das Prinzip der Entwicklung hinter sich lässt. Die Leistung von Krebber besteht darin, dass er den durch Vorbilder aufgebauten Druck ausagiert. Oft auch in der Auseinandersetzung mit anderen Künstlern.

Mal ist es der schwungvolle Strich eines Polke, der angeeignet wird, dann wieder die schnörkelige Linienführung eines Picabia. Der Einfluss von Baselitz ist einem Bild von 1979 deutlich eingeschrieben - eine pastos und schroff gemalte und auf dem Kopf stehende, rauchende Figur. Nur: Welcher Art ist das Verhältnis zu ihnen? Wo doch hoch angesetzte Maßstäbe bekanntlich eine paralysierende Wirkung entfalten?

Der Titel der Ausstellung Apothekerman mit seinem fehlenden Buchstaben vermag in dieser Hinsicht Aufschluss zu geben. Steht er doch für das, was ich Krebbers Vorliebe für Substraktionen nennen würde: Den aufgerufenen Vorgaben wird prinzipiell etwas abgezogen. Dieser Prozess der "entleerenden Aneignung" lässt sich anhand eines neuen Bildes besonders gut zeigen - eine braun-gelb verschmierte, monochrome Farbzone, die sich mit ihrer eingerissenen Leinwand demonstrativ auf Lucio Fontana bezieht. Einerseits spricht der erstaunlich forsche Farbauftrag dafür, dass Fontanas Modell der aufgeschlitzten Leinwand für Krebber äußerst inspirierend gewesen ist. Andererseits wird Fontanas pathetische Geste des Schlitzens bei Krebber zu einem lakonischen Sachverhalt. Denn hinter dem herausgerissenen Leinwandfetzen kommt ein profaner Keilrahmen zum Vorschein, wie ein trauriger Knochen, der dem Bild das Pathos nimmt.

Wenn Krebber die Gesten der von ihm Zitierten gleichsam einfriert, dann tut er ihnen natürlich auch Gewalt an. Dazu passt die feste Entschlossenheit, mit der er die Präsentation, die Hängung bestimmt. Manchmal schiebt Krebber zwischen Wand und bild ein Brett. In Wolfsburg sind auf einer aus Tapeziertischen zusammengestellten Fläche einige Bilder der letzten zehn Jahre ausgebreitet. Sie liegen dort so, als würden sie an der Wand hängen - mal sind Abstände zwischen ihnen gelassen worden, mal bilden sie ein Kontinuum. In die Horizontale gebracht, scheinen sie ihren Status als Ware anzuerkennen, sich als Konsumartikel zu präsentieren. Man beugt sich über sie, um sie wie Sonderangebote auf einem Wühltisch in Augenschein zu nehmen.

Auch dies ist ein Teil der Maßnahmen, in denen sich die Befangenheit des Malers seiner Arbeit gegenüber manifestiert, die aber zugleich den Betrachter auffordert, selbst skrupulöser und souveräner mit den Bildern umzugehen.

Städtische Galerie Wolfsburg bis zum 25. Februar, Katalog 38,- DM