Im Diana-Fieber der achtziger Jahre geriet die britische Presse außer Rand und Band. Die Regierung drohte, die Zeitungen mit Gesetzen zu knebeln.

Dann - typisch englisch - kamen the Great and the Good, die Spitzen des Establishments, überein, eine Kommission zu bilden, Exzesse durch Selbstkontrolle zu regeln und jenen Zeitungen, die ihren Verhaltenskodex missachten, unbürokratisch auf die Finger zu klopfen. Ohne ihnen allzu weh zu tun, versteht sich. Schließlich sind auch die Verleger great and good.

Ein Kompromiss, mit dem seither alle Beteiligten glücklich sind, selbst die gnadenlosesten Chefredakteure und das seinerzeit erbarmungslos gejagte Objekt ihrer Aufdringlichkeit, Prinz Charles. Vergangene Woche rief die Press Complaints Commission (PCC) anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens zu einem rauschenden Fest ins großartige Somerset House, eines der eindrucksvollsten Baudenkmäler des Empire am Londoner Themseufer. Alle fanden sich ein, Journalisten, Politiker, geadelte Wegbereiter der neuen Labour-Welt, Modedesigner, Seifenopern- und Fernsehstars. Und die beiden ranghöchsten Prinzen, der alternde Charles und sein erblühender Sohn William, der den Abend übrigens "himmlisch" fand. Dass der Jahrestag als Society-Ereignis begangen wurde, kam nicht von ungefähr. Das zwischen Verlegern und Regierung ausgekungelte Konkordat, das man hochleben ließ, kommt vor allem der Prominenz zugute. Vergangenen Herbst war William auf zehnwöchigem Abenteuerurlaub in Chile. Auf einer palastamtlichen Internet-Seite kann man nachlesen, wie nobel der junge Prinz eingeborenen Bergbauern half. Er wird mit der idealistischen Platitüde zitiert: "Hier kann man tatsächlich Dinge für andere Menschen zum Besseren wenden." Ein Fotograf der Press Association und ein Kameramann der ITN wurden eingeladen, um der Welt vor Augen zu führen, wie das Geben für Wills seliger ist als das Nehmen.

Als ein ungeladener Fotograf die Bergidylle störte und das OK!Magazine seine ganz harmlosen, aber nicht durch die Palastzensur gelaufenen Fotos veröffentlichte, geriet die Pressekommission ins Rotieren. "Prinz William war nicht an einem Ort, an dem Fotografen sich normalerweise aufhalten", verurteilte die PCC die Zeitschrift in einem Richtspruch, den sie selbst einen "Meilenstein zum Schutz der Privatsphäre" nennt. Die Kommission beanstandete speziell das unpatriotische Verhalten des Magazins, das "die Bilder offenbar von einem ausländischen Paparazzo erwarb".

Die Boulevardblätter haben längst neue Opfer

Der Hof nutzt die Willfährigkeit der Kommission auch zur Reinhaltung eines um den alten Prinzen gezogenen Cordon sanitaire. Als die Sunday Times sich mit einer Story vorwagte, Charles habe mit der Church of Scotland eine Eheschließung mit Camilla Parker-Bowles besprochen, ließ es sein Presseamt nicht bei einem Dementi bewenden. Das Hofamt beschwerte sich bei der PCC, obwohl das kirchenintern lancierte Gerücht in erster Linie eine verfassungsrechtliche Dimension hat. Die Kommission beanstandete den Artikel wegen "mangelnder Genauigkeit" und verdonnerte die Sunday Times, öffentlich Abbitte zu leisten. Die Vermutung, dass die Intimfreundschaft zwischen Prinz Charles' stellvertretendem Privatsekretär Mark Bolland und dem PCC-Direktor Guy Black zum Erfolg der Beschwerde beitrug, ist nicht abwegig. Der Thronfolger führt heute ein von öffentlicher Musterung abgeschirmtes Dasein wie ein saudi-arabischer Potentat.

Die Zeitungen machen unterdessen mit hilfloseren Opfern Auflage. Mit Leuten ohne Fürsprecher, die es nicht wagen, sich zu beschweren. Mit den beiden Teenagern zum Beispiel, die als Jungen in einem tragischen Mordfall das Liverpooler Kleinkind James Bulger umbrachten