Es ist ja eigentlich ein Witz, dass die beiden so unterschiedlichen Herren, einander seit langem im Streit, ja in Feindschaft herzlich verbunden, nun ein gemeinsames Problem haben: ihre Vergangenheit und die Frage, anhand welcher Akten sie aufgearbeitet, dass heißt: politisch gegen sie verwandt werden darf. Hier die einige rechtlichen Grenzen überschreitende Über-Identifikation des vormaligen Kanzlers mit dem Staat (natürlich nur im Dienste der eigenen Partei!) – dort die verweigerte Identifikation des vormaligen Strafverteidigers von Staatsfeinden mit der staatlichen Ordnung (übrigens vor allem mit den Mitteln der Strafprozessordnung).

Inzwischen also möchte der Abgeordnete Ströbele dem Altkanzler Kohl am liebsten mit der Stasiakte über dessen abgehörte Telefonate auf die Schliche kommen, obwohl diese Akte nach strengen rechtlichen und gesetzlichen Kriterien dazu nicht herausgegeben werden darf.. Und derweil schlachten nun Ströbeles politische Gegner einfach Ströbeles Stasiakte gegen ihn aus, in deren Besitz auch sie nur auf gesetzwidrige Weise gekommen sein können; denn es gibt keinen ersichtlichen gesetzlichen Grund, aus dem diese Akte ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sein könnte.

Nein, was für Kohl gilt, gilt auch für Ströbele, wer immer in diesem Doppelspiel einander für den Ochsen halten mag. Die Stasi-Akte Ströbele, was immer man von diesem Manne selber halten mag ( da ist mir dann doch, bei allem Vorbehalt, Kohl persönlich immer noch lieber), hat im politischen Geschäft nichts verloren.

Warum? Erstens, weil’s im Gesetz steht. Zweitens auch schon deshalb, weil – wie man gerade in diesem Falle sieht – solche Stasi-Akten zur Wahrheitsfindung allenfalls begrenzt taugen; einmal, weil die Hersteller solcher Akten bestimmte politische Absichten im Auge hatten und behördeninterne Wichtigtuereien veranstalteten, ein ander mal, weil die Leute, die heute solche unwahrhaftig kontaminierten Akten politisch ausschlachten, natürlich auch nicht lange nach der Wahrheit der Akten fragen, sondern nach ihrer politisch nützlichen Giftigkeit.

Gleiches Recht für alle! – Nun mag einer sagen: Ströbele will doch auch nur Kohls Akte lesen, zu den Motiven s.o.; also ist es doch nur recht und billig, wenn wir uns auch Ströbeles Akte vornehmen. Und Ströbele lächelt säuerlich dazu…

Dazu nur dieses: Über die Herausgabe der Akten Kohls wird noch gestritten, auch vor Gericht; die Behörde hat vorerst Stillhalten gelobt – wie kann sie dann Ströbeles Akten schon herausgeben (und nebenbei Ströbele mehr oder weniger absichtlich das Argument liefern, nun müssen aber auch Kohls Akten auf den Tisch)?

Im übrigen: Gleiches Recht für alle, das heißt eben auch: Gleiches R e c h t! Es gibt nur einen Ort in der Demokratie, in der es keine Gleichheit geben kann – im Unrecht. Sonst zerfielen nämlich sowohl das Recht als auch die Demokratie. Es gibt sogar Leute, die behaupten, genau das habe Ströbele immer im Auge gehabt. Und komischerweise steht genau das in seinen Stasi-Akten. Und wer wollte denen trauen?