Untragbar sei Joschka Fischer als Außenminister, heißt es nun, weil er im Jahr 1969 an einem Kongress in Algier teilnahm, bei dem Jassir Arafat Israel den Kampf bis zum Untergang angedroht hatte. Fischer war damals mit einer kleinen SDS-Delegation zu diesem Kongress gegen den "Kolonialismus" gereist, 21 Jahre war er gerade alt, und wie Teilnehmer sich erinnern, haben die Deutschen - ohnehin "Statisterie" - nichts mitentschieden. Es gibt ein Foto, auf dem auch der junge Fischer in Algier applaudiert. Auf dieser Grundlage soll man jetzt seine Vita zu der eines Gewalttäters umdeuten, der etwas gemacht hat, was sich nicht wiedergutmachen lässt? Bitte um Nachsicht: Das grenzte an Rufmord.

Nein, in dem Fischer-Spektakel geht es zuallerletzt darum, was wirklich war. Historisch interessant aber wäre eine solche Spurensuche schon. In diesem Sinne könnte man Algier 32 Jahre danach noch einmal Revue passieren lassen. Da wird man selbst einen PLO-Solidaritätskongress - nach dem Vietnamkrieg, nach dem Prager Frühling - nicht einfach aus den zeitlichen Umständen lösen wollen. Man wird das Revolutionstheater mitbedenken, das gespielt wurde, und die Linke entdecken, die sich aufgeblasen gegen alle Besatzer der Welt stark machte. Junge Deutsche, auch das käme dabei heraus, predigten erneut die eine Wahrheit; andere wollten sogar am Beispiel und auf dem Rücken Israels demonstrieren, aus den Fehlern der Eltern gelernt zu haben. In dem Sinne setzten manche den Antisemitismus unbewusst oder bewusst mit gutem Gewissen fort. Dazu Fischer: Die deutsche Linke "meinte, Israel bekämpfen zu können, und verbarg so vor sich ihr eigentliches Motiv: die Selbstentlastung von dem Erbe der Nazis. Ein schlimmer Irrtum."

Historische Wahrheit? Die Suche danach wird Fischers Bekenntnis nicht ignorieren können. Zur wirklichen Wende für ihn sei die Flugzeugentführung von Entebbe (1976) geworden, als die Kidnapper die Juden unter den Geiseln selektierten. Eine schreckliche Erfahrung, weil sich junge Deutsche so verhalten hätten wie viele aus der Elterngeneration, deren Schweigen über ihre Schuld die Protestgeneration auf die Barrikaden treiben sollte.

Historische Wahrheit? Reden könnte man dann auch über die Jahre nach 1969, nach dem Machtwechsel, der ja in der Tat seltsam glorifiziert wird, als sei von nun an mindestens die Bundesrepublik eine vollendete Demokratie unter sozialliberaler Regie gewesen. Jetzt war sie Konfliktdemokratie, viele wollten und sollten mitmachen und mitreden. Dazu gehörte zunächst auch der "wilde" Fischer, der junge Mann, der immer ein bisschen hinterherhinkte, immer rasch dazulernte, dann aber so häufig übers Ziel hinausschoss. Es ist nicht einmal ein Widerspruch, wenn er Auschwitz immer als Mahnung an die Republik begriffen haben will - und dennoch nach Algier fuhr. Denn er wollte sich auch auf die Seite der Befreiungsbewegungen stellen, wer wollte das nicht?

Auch in Sachen Israel und Vergangenheit lernte er schnell. Schon früh beteuerte er immer wieder "die besondere Beziehung und die ganz besondere Verpflichtung gegenüber Israel". Gerade manche Grüne waren bei diesem Thema zu jeder Dummheit oder Ungeniertheit in der Lage. Vor dem Absturz haben Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer sie bewahrt. All dies geschah übrigens zur Zeit der Bitburg-Peinlichkeit und des Historikerstreits; Richard von Weizsäcker rettete damals mit seiner Rede zur unvergänglichen Vergangenheit (1985) Helmut Kohl vor einem politisch-moralischen Debakel.

Manche Einsicht von Fischer, wie die Abkehr vom "Antizionismus", mag nachholend gewesen sein. Manches aber auch überschießend wie im Kosovo-Krieg, als er sein "Nie wieder" als Lehre von Auschwitz nun mit ganz anderer Stoßrichtung als im Golfkrieg interpretierte. Doch seine Überzeugung von der Vergangenheit als deutscher Verpflichtung hat sich in den Reihen seiner Anhänger durchgesetzt, und diese Grundlinien der alten Bundesrepublik sind auch in Berlin gewahrt worden. Das hat nicht er allein geschafft, aber er nicht zuletzt.

Doch wen interessiert, was wirklich war? Konfrontiert wird man stattdessen mit einem staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren gegen Fischer, das der Vorsitzende Richter des Frankfurter Opec-Prozesses "hochgradig lächerlich" genannt hat. In einer nächsten Runde muss man sich vermutlich auch noch damit befassen, ob vertrauliche Berichte des Verfassungsschutzes, die klandestin publik gemacht werden, Fischer bei einer gewalttätigen Demonstration gegen das spanische Generalkonsulat im Jahr 1975 entdeckt haben wollen. Und ob der V-Mann, von dem das stammt, in den 26 Jahren glaubwürdiger geworden ist. Übrigens wird der Anlass für den Ausbruch der europaweiten Proteste kaum erwähnt, auch nicht im Spiegel, nämlich die Vollstreckung von fünf Todesurteilen an Oppositionellen, die Franco zwei Monate vor seinem Ableben noch garrottieren ließ.