Wenn Männer weinen, ist Herzklopfen angesagt. Ich hätte gewarnt sein sollen, als mir der junge Typ mit seiner Schaufel vor dem Haus entgegenkam und schluchzte, irgendwas von Isnichmeineschuld und Allesscheißehier. Dann sah ich das Loch. Rechte Wohnzimmerwand, aus der Mauer gebrochen: 2,40 Meter auf 1,20. Nordseite. Knalloffen, einfach so, zu meinem kleinen Garten hin. Und am nächsten Morgen wollte ich in Sommerurlaub fahren.

Vierzehn Tage Zeit für die Hamburger Unterwelt in jenem Juli, um alle meine Habseligkeiten - kleines blaues Sofa, Onkel Christians alten Schreibtisch, das Piratenhochbett der Kinder und andere Kleinigkeiten - abzutransportieren! Freie Heraustragung.

Wenn etwas gründlich schief zu gehen beginnt, sich unsere mühsam gebändigte kleine Lebensordnung in die Schräglage neigt und alles ins Rutschen kommt, wäre theoretisch immer noch Zeit, mit dem Fuß an der richtigen Stelle aufzustampfen und "Stopp!" zu rufen. Und alles bliebe an seinem Platz und wäre wieder gut. Mit solchen Überlegungen kann man sich Nächte um die Ohren schlagen; in der gemarterten Gehirnmasse nach den Momenten fischen, in denen noch alles zu verhindern gewesen wäre, die ganze Qual der letzten drei Jahre. Alle Entsetzlichkeiten, in die sich mein Wunsch verwandelte, an mein Reihenhaus einen Wintergarten anzubauen. Wäre irgendetwas zu verhindern gewesen?

An jenem Nachmittag, als ich mit fliegenden Fingern die Nummer des Architekten ins Telefon tippte und den zugegebenermaßen idiotischen Satz rief: "Das Loch ist offen!", und der Architekt zurückröhrte: "Was stören Sie mich? Ich bin im Wochenende!" Das hatte den Ton von "Quengel nicht, Kleine". Mit mentholcooler Stimme hätte ich hauchen müssen: "Sie sind gefeuert." Aufgelegt, Schluss. Loch zumauern, Leben, hier bin ich. Das Loch hätte der Durchgang zum Wintergarten werden sollen. Gelegenheit verpasst.

Verpasst die Gelegenheit, als im Oktober ein fremder Kerl plötzlich im Garten stand, breitbeinig sich in dem Schlamm aufbaute, wo noch bis vor wenigen Tagen die niedliche Terrasse aus Naturstein gewesen war und in der Ecke der alte Rhododendron, in dem ein Igel hauste, alles gnadenlos demontiert für den Wintergarten; als der Kerl sich also da aufbaute und raunzte: "Wieso ist hier keine Bodenplatte? Ich will mein Stahlgestell montieren!" Er genoss es, wie sich die Verwirrung auf meinem Gesicht ausbreitete. Dann setzte er nach: "Und nächste Woche bekomme ich 50 000 Mark, und das ist vom Architekten zugesagt."

Verpasst die Gelegenheit, als zwei Monate später das Gestell montiert war, schief die Träger, die Bodenverankerung mit Klötzchen notdürftig unterfüttert, und sich dann das ganze Eisenzeug innerhalb von zwei Tagen mit Rostpusteln überzog wie in einem Schwerstanfall von Akne, und auch da keine einstweilige Verfügung auf den Tisch geknallt: "... und stelle ich Ihnen bis Donnerstag 16.30 Uhr eine Frist, Ihren Schrott aus meinem Garten zu entfernen!" Verpasst.

Die Sache ist erklärungsbedürftig. Braucht der Mensch einen Wintergarten? Zwei Erklärungen kann ich vorweisen, eine ist vernünftig, die andere nur für die Seele. Die vernünftige geht so: dass wir auf 90 Quadratmetern wohnten, vier Leute. Wir wollten ein Esszimmer. In Erklärungsversion zwei gibt es ein Zimmer aus Glas, in dem leuchtet ein Licht, vor dem man wie eine Katze wohlig die Augen schließen muss. Es riecht nach heißluftgebackenen Korbsesseln. Es duftet noch nach Opas Zigarre. Ich habe hinter mir die Tür zum Wohnzimmer zugezogen, wo Mama mit Oma klönt. Ich bin jetzt für mich. Alles ist hier Sonne. Auf dem Boden vergilbt eine Zeitung. Es ist der wärmste und der schönste Platz auf Erden. Im Winter ist es der eiseskälteste. Über einem ist immer Himmel.