Die Diagnose könnte bitterer kaum sein: Erstarrung, Überalterung, Bedeutungsverfall. Die Rede ist von den deutschen Akademien der Wissenschaften, und die Diagnose, das ist vielleicht das Bitterste daran, ist selbst gestellt. Die öffentlich-rechtlich verfassten Gelehrtengesellschaften, die ihre ehrenamtlichen Mitglieder auf Lebenszeit berufen und sich zu regelmäßigen Sitzungen in ihren oft prachtvollen historischen Gebäuden treffen, werden heute so wenig wahrgenommen wie die Forschung, die sie betreiben. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liegt jenseits der 60, und auf 300 Männer kommen gerade sieben Frauen. Selbst in den Augen vieler Mitglieder sind die einst ehrwürdigen Sozietäten kaum mehr als akademische Traditionsvereine: staatlich alimentierte Treffs für verdiente Professoren, die sich gegenseitig Vorträge halten und ansonsten in gebührendem Abstand von der rauen akademischen Wirklichkeit vor sich hin altern. Um sie herum ändern sich Welt und Wissenschaft - und sie beginnen sich zu fragen, wozu sie eigentlich noch Akademien brauchen.

Wo wächst da das Rettende? Bisher offenbar nur in einem einzigen der deutschen Gelehrtenvereine, bezeichnenderweise in einem der jüngsten: der 1993 als Erbin der altehrwürdigen preußischen Akademie neu gegründeten Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Deren Präsident Dieter Simon ist für seine sechs Kollegen eine ständige Provokation. Im vergangenen Jahr etwa gründete sein Haus zusammen mit der hallensischen Leopoldina eine "junge Akademie" - gerade nicht für Honoratioren. Und unlängst erst empfahl er in einem Gutachten für den Hamburger Senat ein neues Akademiemodell. Dort ist die Mitgliedschaft auf maximal zehn Jahre begrenzt, und nicht die Wissenschaft, sondern die Wissenschaftsreflexion soll befördert werden. Dergleichen scheint dem Rest der deutschen Akademieoberen ein Gräuel. "Die sind ja gegen jede Veränderung nicht nur immun, sondern auch immer noch mit der Immunisierung beschäftigt", spottet Simon.

Die Trutzburg akademischer Beharrung ist in seinen Augen die so genannte Union. Der Dachverband der sieben deutschen Akademien (ohne die Leopoldina) veranstaltete Anfang vergangener Woche zusammen mit der bayerischen Akademie und in deren Räumen in der Residenz am Münchner Hofgarten ein zweitägiges Symposium über die Zukunft der Akademien.

Was als Bestandsaufnahme gedacht war, wurde zum Fanal. Nach der geballten Kritik, die ihnen dort gerade aus den Reihen der anderen deutschen Wissenschaftsorganisationen entgegenprasselte, müsste es nun auch den letzten Akademiefunktionären dämmern, dass es nicht nur darum geht, ein faltiges Image aufzubügeln. Die bange Frage etwa, was die Öffentlichkeit denn von den Akademien heute erwarte, beantwortete Wolfgang Frühwald lapidar mit "Nichts". Auch sonst redete der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Fraktur. "Die Akademien befinden sich in einer Legitimationskrise", so Frühwald, "und was das Schlimmste ist: Sie haben es noch nicht einmal bemerkt."

Einst, im 18. Jahrhundert, waren die Akademien die leuchtenden Spitzen der Wissenschaft. Während die Universitäten Wissen lediglich lehrten, wurde in den elitären Zirkeln - getragen von der mäzenatischen Potenz der Landesfürsten und ihrer Schatullen - Neues produziert. Der Abstieg der Akademien begann mit der Entstehung der modernen Universität humboldtscher Prägung und ihrem Ideal der Einheit von Lehre und Forschung. Das Innovationsmonopol der Akademien bröckelte, zumal Humboldt selbst ihnen nur zweckfreie, "der Umwelt entrückte" Forschung zugestand. Eine Zeit lang kaschierte noch der allgemeine Wissenschaftsboom des 19. Jahrhunderts die schleichende Marginalisierung der deutschen Akademien. 1911 erfolgte dann ein Schlag, von dem sie sich nie wieder erholten: Mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft (MPG), begann sich die zukunftsträchtige naturwissenschaftliche Forschung aus den Akademien zu verabschieden.

Zwar werden auch Naturforscher weiterhin in die Akademien gewählt, doch ihre eigentliche Arbeit findet heute anderswo statt. Das lebenslange Ehrenamt ist zu einer bloßen Auszeichnung verkümmert, einer Art Orden, verbunden mit der Möglichkeit zum gelegentlichen Plausch mit Standesgenossen anderer Fakultäten. Wenn Letzteres heute als "Interdisziplinarität" verkauft wird, dann ist das ein Etikettenschwindel. Derart unsystematischer Austausch bringt die Forschung nicht voran. Vielen der etwa 300 aktiven Akademieangehörigen bedeutet daher ihre Mitgliedschaft nicht mehr als ein "liebenswertes Hobby", wie sich ein Berliner Neurobiologe ausdrückte. Gerade produktive Forscher haben dafür zwischen Drittmittelanträgen und Publikationen immer weniger Zeit übrig.

Für aufwändige naturwissenschaftliche Forschung sind die Budgets ohnehin längst zu klein. Für die Grundfinanzierung bringen die Länder jährlich etwa 110 Millionen Mark auf. Hinzu kommen noch rund 90 Millionen an Projektmitteln, vor allem aus dem von Bund und Ländern gemeinsam getragenen Akademieprogramm. Der Großteil davon fließt in geisteswissenschaftliche Langzeitprojekte: Inschriftensammlungen, Editionen, Wörterbücher. Manche davon wurden schon vor Generationen begonnen. Einige der noch zu Kaisers Zeiten projektierten Vorhaben nehmen sich unter dem Gesichtspunkt modernen Projektmanagements geradezu absurd aus. "Ein Unternehmen wie die Leibniz-Edition, das ohne Ironie auf 300 Jahre geplant wurde, ist ein Unding", wettert Wolfgang Frühwald und mahnt eine regelmäßige Evaluation an - und zwar mit der Option zum Abbruch. "Wir wissen doch nicht, was die Leute in 100 oder 200 Jahren interessiert!"