Das Kino hat, was die Dinge des Lebens angeht, eindeutige Vorlieben. Es nimmt zum Beispiel gern die Verfolgung auf. Denn in jeder Verfolgung steckt viel vom Wesen des Kinos: die Beobachtung und die Bewegung. Auf Festivals gibt es deshalb immer gleich eine Reihe von Verfolgungen zu sehen, über verschiedenste Filme verteilt. Oft verlaufen sie rasant, gern als Jagd und mit Blechschaden. Die schönste Verfolgung der diesjährigen Berlinale war allerdings entschieden gegen diese Regel gedreht. Am Ende gewann der Film dazu den Goldenen Bären. In Patrice Chéreaus Intimacy verfolgt der Barmann Jay die Gelegenheitsschauspielerin Claire heimlich bei einem Gang durch London. Als er sie an einer Bushaltestelle aus den Augen verliert, wechseln die Rollen. Claire entdeckt nun den planlosen Jay und spürt wiederum ihm nach - bis Jay ausgerechnet jenen Pub ansteuert, in dessen Keller Claire regelmäßig Theater spielt. Plötzlich weiß sie, dass er weiß - woher sie kommt, mit wem sie verheiratet ist, womit sie sich beschäftigt. Das ist mehr, als ihr lieb sein kann. Sie lässt ihn ziehen.

Chéreau inszeniert die Verfolgung nicht als Mittel zum Zweck: den anderen einzuholen. Sie ist für ihn auch ein existenzieller Akt, und der Wechsel von Verfolger und Verfolgtem zeigt die Unabschließbarkeit des Verfolgens. Der Weg ist das Ziel: die Neugier. Ohne sie kommt das Leben ebenso schnell an ein Ende wie das Kino. Die Neugier wird vom Wissen gestillt. So gehen viele Filme aus. Probleme werden gelöst, Fragen beantwortet. Chéreaus Film dagegen handelt vom Wissenwollen, deshalb ist am Ende kein Problem gelöst, die Figuren bleiben auf schwankendem Grund zurück, und die Kamera blickt zuletzt wie ratlos ins Getümmel des Straßenverkehrs.

Jay und Claire treffen sich jeden Mittwochnachmittag zum Sex. Es hat sich so ergeben, zufällig, ohne Verabredung. Geredet wird nicht, geliebt wird heftig. Die beiden wissen nur das voneinander, was ihre Körper hergeben. Das ist einiges. Es soll reichen, aber das tut es nicht. Als Claire einen Mittwoch fehlt, will Jay mehr wissen. Er stößt auf eine Ehe, die einem Stillhalteabkommen gleicht: Claires Mann sieht genau so weit weg, wie seine Frau sich zu fliehen traut. Er will nichts wissen, deshalb ist er die traurigste Figur des Films. Claire dagegen hält ihre Neugier wach, allerdings im Zaum. Bei einer späten Aussprache mit Jay sagt sie: "Ich habe immer gedacht, du wüsstest mehr als ich und würdest es mir irgendwann einmal erzählen." Dieser Satz trifft den Kern von Intimacy. Im Wissenwollen liegt das Glück, im Wissen aber die Gefahr. Die Intimität zwischen Claire und Jay war nie größer als am Anfang, als die Körper den Köpfen noch suggerierten, alles sei möglich. Jeder Schritt auf den anderen zu verengt den Horizont. Am Ende ziehen die Körper die Konsequenz aus dem, was die Köpfe erfahren haben. Jay und Claire passen nicht zusammen.

Mit Intimacy hat Patrice Chéreau völlig zu Recht den Wettbewerb der 51. Berlinale gewonnen. Die Feinnervigkeit des Films, dessen energische Handkamera den Figuren ihre Unruhe direkt von der Haut abzulesen oder sie sogar aus der Luft um sie herum aufzuschnappen scheint, reicht über den Film selbst hinaus. Sein Spürsinn und seine Offenheit stehen fast modellhaft für eine Art Kino, das es auf Festivals bald genauso schwer haben mag wie im normalen Filmtheaterbetrieb. Wer aufs Wissen verzichtet zugunsten des Wissenwollens, wird den Zuschauer nie satt machen. Er kann ihn erfüllen. Das kann die reichere Erfahrung sein. Aber dazu muss der Zuschauer sein eigenes Wissenwollen mitbringen; denn jeder fragende Film braucht ein Gegenüber. Und auf dieses Gegenüber möchten sich immer weniger Regisseure und Produzenten verlassen. Also drehen sie stattdessen Filme, die im Grunde sich selbst genügen und nur Fragen stellen, für die sie spätestens nach 120 Minuten auch eine Antwort parat haben.

Zwangsnaive Menschenliebe, hartbesaiteter Humanismus

Chéreau ist am weitesten ins Offene gelangt, aber er hat nicht den ganzen Weg allein zurückgelegt. Auch der frühe Wettbewerbsfavorit, Steven Soderberghs Traffic, gestattet sich ein großes Stück Freiheit. Seine drei ineinander spielenden Geschichten aus dem war on drugs, den die USA weitgehend erfolglos führen, haben allesamt nur ein vorläufiges Ende, es sind erkennbar Episoden aus einer unübersichtlichen Gemengelage, der keine abgerundete Geschichte gerecht werden könnte. Soderbergh hat wie Chéreau mit Handkamera gedreht und seinen Film durch diesen etwas raueren Zugang zur Szene sehr elegant mit einer höheren Dringlichkeit versehen. Beiden Regisseuren liegt dabei der forcierte Wahrhaftigkeitsgestus ganz fern, den manche Dogma-Getreuen ihrem Geschehen allein durch Schlenker und Unschärfen abzupressen versuchen. Aber halt: Diese letzte Bemerkung gilt ganz ausdrücklich nicht für den Dogma-Film des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs, Lone Scherfigs Italiensk for Begyndere. Den könnte die Regisseurin noch so wild verwackeln (worauf sie glücklicherweise verzichtet), und er bliebe doch so bieder wie eine Vorabend-Soap. Sechs Durchschnittsdänen werden nicht schon allein deshalb zu interessanten Charakteren, weil ihnen mal ein Flirt misslingt oder sie einen Elternteil verlieren. Scherfig arrangiert ihr kleines Hindernisrennen in die dreifache Liebespaarung derart zwangsnaiv, dass sich der Digitalvideofilm zum bisherigen Dogma-Programm etwa so verhält wie das Häkelhütchen im Pkw-Fond zur Klorolle darunter. Die Regisseurin hält Italiensk for Begyndere, dem die Jury rätselhafterweise einen Silbernen Bären verliehen hat, für den "ersten Dogma-Film der zweiten Generation". Sollte ihr Sträußchen Menschenliebe tatsächlich das Modell für die Zukunft sein, dann möge es bei diesem Prototypen bleiben.

Natürlich läuft jede Festivalauswahl fast über vor filmgewordenen Appellen zu mehr Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit. Allein der Anspruch scheint manchen Beitrag schon fast in den Wettbewerb hineinzutragen. Niemand mag sich ja der Botschaft entgegenstellen. Allerdings kann sie nur dann wirklich ankommen, wenn ihr der Durchbruch zuvor nicht allzu leicht gemacht wird, wenn sich die Charaktere bockig zeigen oder die Wirklichkeit. In Mike Nichols' Wit spielt Emma Thompson eine krebskranke Literaturprofessorin, die bis zuletzt versucht, sich mithilfe von Selbstironie und analytischer Schärfe gegen ihren körperlichen Verfall aufzulehnen. Sie geht trotzdem vor die Hunde. Bis dahin allerdings ist Nichols ein bohrender Film gelungen zur Frage, wie weit die eigene Intelligenz dem besseren Leben dienen kann und wo sie nur dazu gedient hat, es zu blockieren. Einen ähnlich hart besaiteten Humanismus hat sich im Wettbewerb sonst nur Wang Xiaoshuai mit Beijing Bicycle geleistet, der Gewinner des Großen Jurypreises. In seiner Fahrraddiebe-Variation ringen ein Jugendlicher vom Land und einer aus der Stadt verbissen um ein einziges Mountainbike. Der eine braucht es zum Geldverdienen, der andere als Statussymbol, beide sind verbunden in Sturheit, und der Film macht aus ihrer kompromisslosen Konfrontation eine schillernde Gratwanderung über die Bruchlinien des heutigen China.