DIE ZEIT: Soziale Kostbarkeiten seien in Gefahr, schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett - Vertrauen, Bindungen, Loyalität würden durch den neuen Kapitalismus ausgehöhlt. Junge Amerikaner müssten in ihrem Leben bis zu elfmal den Job wechseln, das füge nicht zuletzt den Familien schweren Schaden zu. Was sagt die empirische Familienforschung dazu?

HANS BERTRAM: Sennett hat mit dieser These seinen eigenen Lebenslauf als Norm genommen. Die heutige Arbeitswelt verlangt nicht mehr Flexibilität als die klassische Industriegesellschaft. Wir haben untersucht, wie häufig in Deutschland die ganz Alten und die Jungen bis zum 30. Lebensjahr den Job gewechselt haben. Wer zwischen 1910 und 1917 geboren wurde, hat im Schnitt fünfmal neu angefangen, das gilt auch für die heute Jungen. Wer allerdings nach 1950 im beginnenden Wirtschaftswunder die Arbeit aufnahm, hat nur ein bis drei Mal gewechselt.

ZEIT: War das eine Ausnahmesituation?

BERTRAM: Die Stabilität der Nachkriegsgesellschaft ist historisch die Ausnahme. Zwischen 1952 und 1970 hat eine positive industrielle Entwicklung stabile Arbeitsbiografien in traditionellen Familien ermöglicht, begleitet von der Stabilisierung des Sozialstaates. Das war ein einmaliger Dreiklang. Das Leben unserer Republik ist um die Erfahrung der mittleren Generation herum gebaut worden. Aber wer würde denn behaupten, dass die 80-Jährigen nicht trotz der Turbulenzen bindungsfähig waren und stabile Familien hatten? Eine berühmte Arbeitslosenstudie von Paul Lazarsfeld und Marie Jahoda aus den dreißiger Jahren weist ja darauf hin, dass familiäre Netzwerke dann besonders stark sind, wenn die Arbeitswelt zusammenbricht. In Unsicherheit zu leben bedeutet nicht, deswegen Bindungen aufzugeben.

ZEIT: Sennett unterscheidet bei seiner Diagnose nicht zwischen weiblichen und männlichen Biografien. Müsste man das tun?

BERTRAM: Das Erwerbsleben der Frauen war wegen der Kinderphasen und ihrer beruflichen Konsequenzen von Wechseln und Unterbrechungen bestimmt. Heute haben Frauen aufgeholt, ihre Erwerbsbiografien sind kontinuierlicher, sie sind länger bei einem Arbeitgeber beschäftigt. Nur bei den Männern haben sich Dauer und Kontinuität vermindert. Das gilt für die USA und Deutschland. Sennetts Thesen sind auch Ausdruck des Jammerns einer älter gewordenen Männergruppe, die nicht akzeptieren will, dass ihre eigene Normalität nicht die einer ganzen Gesellschaft ist.

ZEIT: Sennett steht mit seiner Kritik nicht allein. Sein Kollege James Coleman etwa wirft in dem Buch Die asymmetrische Gesellschaft Eltern vor, sie kümmerten sich berufsbedingt zu wenig um ihre Kinder. Nun seien auch die Mütter so unerreichbar wie einst die Väter.