Alfred Hrdlicka, 72, liebt die Provokation. Der streitbare Wiener Bildhauer und Maler polarisiert mit seinen in Stein gemeißelten Beschwörungen von Gewalt, Tod und Sexualität die Kunstwelt und erregt mit seinen politischen Äußerungen immer wieder die Öffentlichkeit. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus in der Wiener Innenstadt und das Engels-Denkmal in Wuppertal. Bei der letzten österreichischen Nationalratswahl kandidierte Hrdlicka für die Kommunistische Partei Österreichs

Ich bin in einer Zeit der Gewalttätigkeit aufgewachsen. Als ich 1934 mit sechs Jahren eingeschult wurde, waren gerade die Austrofaschisten an die Macht gekommen, und es gab bereits eine ganze Menge illegaler Nazis. In der Arbeitslosensiedlung in Floridsdorf, dem 21. Wiener Gemeindebezirk, haben wir uns mit den Nazikindern geprügelt. Damals wusste ich schon, dass es die Roten gab und die Schwarzen. Die Schwarzen waren für mich die Feinde, die Gfraster.

Mein Vater war ein illegaler Kommunist. Gleich zu Beginn des blutigen Bürgerkriegs im Februar 1934 gab es die erste Hausdurchsuchung bei uns. Da sind zwei oder drei Kriminalbeamte aufgetaucht, haben meinen Vater festgenommen und die Wohnung verwüstet. Meine Mutter sagte zu uns Kindern nur: Ihr redet nicht darüber in der Schule. Einige Tage später ist dann der Sohn meines Taufpaten, der Ingenieur Weisl, unter Dollfuß hingerichtet worden - ein Dollfuß-Porträt hängt noch heute in der Wiener ÖVP-Zentrale.

Ich bin in der Wiener Peripherie in einem richtig proletarischen Milieu groß geworden. Die Sittenverhältnisse dort waren herrlich. Die Nachbarsfamilie: neun Kinder und mindestens drei verschiedene Väter. Das Milieu hat mich geprägt, bis heute. Ein Proletarier zu sein - das habe ich nie als Schimpfwort verstanden. Auch meine Kunst entstammt diesem Milieu. Eine ziemlich unsentimentale oder pornografische Kunst, wie man will.

Mit meinem Zeichentalent bin ich schon in der Volksschule aufgefallen. Ich durfte große Wandzeichnungen auf Packpapier fabrizieren. Meistens stellte ich blutige Schlachten dar: wie die Griechen die Perser niedermetzeln oder die Römer gegen die Germanen kämpfen. Noch heute nimmt die Darstellung von Gewalt und Brutalität in meiner Zeichenkunst einen wichtigen Platz ein.

Als ich im Alter von zehn Jahren auf die Hauptschule wechselte, regierten bereits die Nazis in Österreich. Ab da hieß es: Ein deutscher Junge zeichnet rechts. Im Handzeichnen wurde ich daher bald sehr schlecht, denn ich war ein extremer Linkshänder. Und so bekam ich meine schlechtesten Noten in jenen Fächern, die mich in der Schule am meisten interessierten: in der Bildnerischen Erziehung und in Geschichte.

Während des Krieges absolvierte ich dann zwei Jahre lang eine Zahntechnikerlehre. Das war sehr förderlich für meine Geschicklichkeit, denn die Arbeit verlangte Präzision. Allerdings habe ich die Lehre nicht abgeschlossen und bin nach dem Krieg gleich auf die Akademie für Bildende Kunst gegangen. Mein Vater war entsetzt. "Von was willst du denn leben?", fragte er. Ich bestand darauf, kein Hobbykünstler zu sein. Glücklicherweise war ich ganz geschickt im Geldverdienen. Als einer der begabtesten Schachspieler Österreichs habe ich damals Simultanvorstellungen gegeben und gegen Lohn bei Turnieren gespielt. Außerdem war ich an der Oper als Hilfsarbeiter beschäftigt, habe Kulissen geschoben oder als Statist ausgeholfen.