Aus der Süddeutschen Zeitung : "BSE-Krise führt zu Innovationen - Mit der wachsenden Nachfrage nach Cremes, frischen Salaten und eingelegtem Hering ging das fast völlige Sterben des klassischen deutschen Fleischsalates einher, obwohl der jetzt nur noch aus Schweinefleischwurst bereitet wird."

Sargträger, ist genug Underberg da für die Anwesenden? Danke.

Da wir uns nun hier, liebe Trauergemeinde, am Grabe unseres teuren, beinah Verblichenen versammelt haben, wollen wir uns gemeinsam erinnern: an glückliche Minuten befriedigter Gier, die er uns schenkte, aber auch - er würde dazu verständnisvoll lächeln - an schamvolle Stunden unguten, Pardon, Aufstoßens. Unser klassischer, unser deutscher Fleischsalat! Wie konnte es zu seinem "fast völligen" Hinscheiden kommen?

BSE, natürlich. Bis ins Mark getroffen, liegen Fleisch und Wurst darnieder, mit ihnen er, der deutsche Klassiker. 10 bis 15 Prozent ihres Umsatzes hat die deutsche Feinkostwirtschaft einmal mit ihm erzielt, auch deutsche Apotheken, Stichwort Sodbrennen, unterstützte er kräftig. Aus damit, vorbei. Der Verbraucher greift zu Sojafleisch. Zu Rollmops und Rauchlachs, Mozzarella und Mascarpone.

Wissen wir noch, liebe Hinterbliebene, wann und wie wir ihm zum ersten Mal begegneten? Als Kinder wohl, im Familienkreise am Abendbrottisch, dessen Mitte das drehbare Karussell der Köstlichkeiten, der deutschen Feinkostköstlichkeiten, bildete. Silberzwiebeln! Mosaikpastete! Maiskölbchen! Essiggürkchen! Leberwurst fein, mit Pistazien. Walnusskäse. Kaiserfleisch, Lachsschinken. Und er, der Köstlichste von allen, im einladenden, durchsichtigen Plastikschälchen, dessen Deckel abzuheben jedes Mal eine ebenso kleckrige wie mundwässernde Prozedur war.

Freilich, als Kinder wussten wir ihn noch nicht zu schätzen. Wie so mancher Genuss sich erst der adoleszenten Zunge erschließt, so ist auch der Fleischsalat als solcher in seiner komplexen Schmierigkeit vom unreifen Gaumen kaum zu goutieren. Erst als Studenten lernten wir ihn zu würdigen. 100 Gramm im Billigmarkt: 69 Pfennige, wenn wir uns recht erinnern. Haltbarkeit: erstaunliche, dankbar begrüßte neun Monate. Fleischsalat, der ungeöffnet von der Silvesterparty übrig blieb, konnten wir auf der soliden Basis vollkommen legaler Konservierungsmittel noch im späten September unbedenklich zu uns nehmen. Wir verdanken ihm viel.

Unser lieber, fast gänzlich Verstorbener - woraus bestand er, abgesehen von schimmelverhütender Sorbinsäure und Benzoesäure, von geschmacksverstärkender Glutaminsäure, von Saccharin, Phosphat und Stabilisatoren, abgesehen auch von der gelegentlich mit hineingerutschten Wursthaut oder einem Heftpflästerchen von des Metzgers arbeitsamer Hand? Paradox wie das Leben und der Leberkäse bestand Fleischsalat aus Fleisch am allerwenigsten. Fleisch, also Braten, ist im Fleischsalat nach den Leitsätzen für Feinkostsalate des Deutschen Lebensmittelbuches zwar erlaubt. Doch üblich ist es nicht. "Verkehrsübliche" Grundlage des Fleischsalates ist "Fleischsalatgrundlage", siehe Deutsches Lebensmittelbuch, Abschnitt 5031 a, Anmerkung 26 a: "Zur Herstellung von Fleischsalat können Brühwurst, Kochpökelwaren (...) sowie Fleischsalatgrundlage verwendet werden." Letztere ist, siehe Punkt 2.222.5, ein einfaches Brät aus Rind- und Schweinefleisch, Fett- und Bindegewebe, welches gehäckselt, verrührt, gebacken und geschnitten sowie "umgerötet" wird, was wir an dieser Stelle, liebe Trauergemeinde, aus Pietät nicht hinterfragen wollen.